Zoltán Balog über die Romamordserie in Ungarn: „Ich war schockiert, dass so etwas in meinem Land geschieht“

Foto: Gyula Bartos/Polgári Magyarországért AlapítványFoto: Gyula Bartos/Polgári Magyarországért Alapítvány

 

Am 21. Juli 2008 begann in Ungarn eine Anschlags- und Mordserie auf Roma, die mehr als ein Jahr dauerte. Es war die Spätzeit der sozialistisch-liberalen Regierung, Rechtsextreme hatten damals großen Zulauf. Die rechtsextremen Täter ermordeten sechs Menschen und verletzten mehr als 50 schwer, bevor sie im August 2009 gefasst wurden. Der ehemalige Minister für Humanressourcen Zoltán Balog war einer der wenigen ungarischen Politiker, die auf das Schicksal der überlebenden Opfer und ihrer Angehörigen immer wieder hinwiesen und der sich nach dem Antritt der Orbán-Regierung 2010 für eine Entschädigungslösung einsetzte. Balog, heute Vorsitzender der Stiftung Für ein bürgerliches Ungarn der ungarischen Regierungspartei Fidesz, zieht im Interview anlässlich des 10. Jahrestages des Beginns der Mordserie eine Bilanz, die auch selbstkritisch ausfällt.

 

Keno Verseck: Herr Minister, am 21. Juli 2008 begann die Romamordserie mit einem Schusswaffenangriff auf ein Haus im Dorf Galgagyörk. Damals wurde niemand verletzt. Später starben insgesamt sechs Menschen, mehr als 50 wurden zum Teil schwer verletzt. Mit welchen Empfindungen blicken Sie jetzt, zehn Jahre nach Beginn der Mordserie, zurück?

Zoltán Balog: Ich erinnere mich genau, wie damals die gesellschaftliche Atmosphäre war. Ich war Mitglied der Fidesz-Oppositionsfraktion im Parlament, kein Parteimitglied, aber von Fidesz delegiert als Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses. Ich war zutiefst erstaunt und erschüttert darüber, dass so etwas möglich ist in Ungarn. So etwas hatte es seit den Tagen des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben. Ich war sehr geschockt und dachte zugleich, dass man etwas machen müsste, dass die Politik etwas machen müsse. In Ungarn denkt die Opposition oft, dass die Regierung verantwortlich sei, aber ich fand, dass auch wir als Opposition etwas machen müssten. Damals, während der Mordserie, hat Romani Rose Ungarn besucht und auch mich aufgesucht, in meiner Funktion als Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses im Parlament. Wir haben schnell zueinander gefunden. Es war einerseits mein Stolz, dass wir zusammen etwas initiieren konnten, andererseits habe ich mich auch geschämt dafür, dass so eine Initiative von Deutschland ausgeht. Die sozialistische Regierung hat damals eine antifaschistische Demonstration in Budapest organisiert, aber weiter nichts getan, das fand ich ziemlich heuchlerisch. Zusammen mit Romani Rose haben wir damals ein Spiel der deutschen und ungarischen Fußballnationalmannschaft organisiert und etwas Geld gesammelt für die überlebenden Opfer. Später haben wir versucht, mit anderen Maßnahmen zu helfen, z.B. dadurch dass die Wohnsituation der Opfer verbessert wurde. Auf jeden Fall erinnere ich mich gut daran, dass ich damals wirklich wie erstarrt war und auch nicht wahrhaben wollte, dass so etwas in meinem Land passieren konnte. Ich war auch beschämt über die politischen Reaktionen und in einem zweiten Schritt kam dann der Entschluss, etwas zu tun. Als ich dann 2010 nach der Wahl Staatssekretär für soziale Inklusion im Ministerium für öffentliche Verwaltung und Justiz wurde, war es meine erste Entscheidung, das war für mich auch symbolisch sehr wichtig, dass man diesen Familien, den Opfern finanziell hilft. Dann haben wir eine Roma -Organisation gefunden, Phralipe von Ágnes Daróczi, die dann auch bereit war mitzuhelfen mit dem Geld, das zur Verfügung stand.

Hat diese Mordserie damals etwas über Ungarn ausgesagt?

Ich hoffte damals und ich hoffe bis heute, dass diese Mordserie eine Ausnahme ist und bleiben wird. Allerdings denke ich zugleich, dass diese Mordserie in der damaligen politischen Situation auch kein Zufall war. In diesem ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende hat sich vor allem gegen Ende der sozialistischen Regierungszeit eine große Wut unter den kleinen Leuten aufgestaut. Symptome dieser Zeit waren das Erstarken von Jobbik, die Aufmärsche der Ungarischen Garde, das Erstarken des Antisemitismus und des Antiziganismus. Es gab eine ohnmächtige Regierung und in der Gesellschaft hatte sich große Ohnmacht breitgemacht, vor allen Dingen in der Provinz, auf dem Land. Es gab keinerlei moralische Instanz in der Gesellschaft, die irgendeinen Weg gewiesen hätte. Etwas getan hätte, was die Leute moralisch aufgebaut hätte. Im Sinne von: „Das ist Recht, das ist Unrecht, deine Sorgen sind berechtigt, die kann man aber so nicht lösen, sondern nur so.“

Gibt es diese Instanz jetzt?

Ja, ich denke schon. Die Kirchen z. B. erheben heute mutiger ihre Stimme. Ein anderer Ausdruck dafür ist, dass die jüdische Gemeinschaft in Ungarn die sicherste in Europa ist, und das sagt nicht die Regierung, sondern das sagen die jüdischen Gemeindemitglieder selbst. Man kann die Regierung, man kann auch Viktor Orbán für vieles kritisieren, viele kritisieren ihn zum Beispiel dafür, dass er aus der Position eines Familienvaters heraus regiert und versucht die Dinge in Ungarn zu regeln. Aber weil er aus dieser Position heraus regiert, haben viele gesellschaftliche Gruppen den Eindruck, dass sie auf ihn und auf die Regierung zählen können. Dafür ist er auch bereit, Dinge zu machen, die von seinen Beratern oft als unpopulär bezeichnet werden und nicht ratsam erscheinen. Eine solche Sache ist auch, dass Orbán seit vier Jahren jedes Jahr auf einer großen Roma-Veranstaltung präsent ist, sich zusammen mit Roma fotografieren lässt, was in Ungarn nicht gerade populär ist. Er sagt dann zuweilen auch Sachen, die in westlichen Ohren vielleicht nicht politisch korrekt klingen. Dennoch. Wir haben beispielsweise nach den Vorfällen von Gyöngyöspata die Gesetze bis an die Grenzen des legal Zumutbaren verschärft, so dass heute Aufmärsche wie die der Ungarischen Garde absolut undenkbar sind. Oder nehmen Sie andere wichtige gesellschaftliche Themen, die in den letzten Jahren viel diskutiert wurden. Die ungarische Regierung hat zum Beispiel die historische Schuld bei der Vertreibung der Ungarndeutschen anerkannt. Oder die historische Schuld am Holocaust. Oder nehmen Sie die Versöhnung mit Serbien. Diese Versöhnung haben Viktor Orbán und Alexandar Vucic vollbracht, jetzt kann man endlich nach 50 Jahren die Gräber pflegen. Das ist Versöhnung. Orbán hat diese Dinge erreicht. Von der Position eines Politikers aus, der sagt, ich bin der Landesvater und ich möchte dass meine Leute sich in Sicherheit wähnen. Deshalb kann man, glaube ich, insgesamt sagen, dass jetzt längst eine andere Atmosphäre im Land herrscht als damals während der Romamorde.

Hat die Mordserie das Land verändert?

Ich hoffe es. Die Frage ist natürlich, wie man das messen kann. Ich treffe oft auf Leute, die Vorurteile gegen Roma haben, aber ich habe noch nie gehört, dass man Morde richtig findet. Ich höre immer wieder, Roma stehlen, Roma sind faul, sind Parasiten und so weiter und so fort, aber ich habe noch nie gehört dass jemand diese Morde für gut befunden hat. Und immer mehr Menschen denken, dass die Verbesserung der Situation der Roma der ganzen Gesellschaft zugutekommt.

Sehen Sie Parallelen zu den NSU-Morden, Parallelen darin, wie das Thema in der Öffentlichkeit behandelt wurde und wird?

Als Parallele sehe ich, das die Verfassungsschutzbehörden eine zwiespältige Rolle gespielt haben, die zum Teil bis heute nicht aufgeklärt ist. Von Verwicklung zu sprechen, wäre zu weit gegriffen, aber es gibt diese unklare Rolle. Der Unterschied liegt vielleicht im Ausmaß der öffentlichen Empörung. Die dauerte in Deutschland viel länger an. Was Ungarn angeht, so muss ich selbstkritisch zugeben, dass man bei uns sehr viel schneller zur Tagesordnung zurückkehren wollte und sagte, wir haben hier wirklich andere Probleme. Was auch stimmte. Man sollte sich in Erinnerung rufen, dass wir damals, 2009, 2010 am Rande des Staatsbankrotts standen. Das war auch ein Grund, warum es mit der Entschädigung für die Opfer der Romamorde, die ich damals vorgeschlagen hatte, so lange gedauert hat.

In Deutschland gab es diese großen symbolischen Gesten – die Angehörigen wurden von der Bundeskanzlerin und vom Bundespräsidenten empfangen. In Ungarn gab es diese Gesten nicht. Hätte es solche Gesten geben sollen?

Es hat solche Gesten in Ungarn auch gegeben. Nur wurden sie von den Medien nicht aufgegriffen. So eine symbolische Geste ist, dass Regierungsvertreter jedes Jahr einen Kranz am Grab von Róbert und Robika Csorba niederlegen. Auch finanziell unterstützten wir die Überlebenden und die Familien der Opfer. Ich möchte zu dieser Frage dennoch ganz grundsätzlich sagen, dass solche Gesten leicht die Opferrolle von Roma oder von Minderheiten generell betonen. Das halte ich für falsch, genauso wie es falsch ist, wenn den Roma von rechter Seite vorgeworfen wird, dass sie kriminell, faul oder parasitär sind. Also, die Roma sollten nicht immer in der Opferrolle bleiben. Sie können auch Herren ihres eigenen Schicksals sein.

Aber wäre es nicht gut gewesen, wenn ein ungarischer Staats- oder Ministerpräsident die überlebenden Opfer und ihre Angehörigen eingeladen hätte und sich mit ihnen vor die Kameras gestellt hätte? János Áder hat ja zum Beispiel 2014, anlässlich des 70. Jahrestages des Roma-Holocaustes eine bemerkenswerte Rede gehalten. Das hätte doch ein Anlass sein können.

Mir steht es nicht zu, zu beurteilen, was ein Staatspräsident hätte machen oder nicht machen sollen. Ich denke, es ist wichtig zu betonen, dass kein Jahr vergeht, ohne dass die Regierung am 2. August einen Kranz auf den Friedhof von Tatárszentgyörgy schickt und im Rahmen eines Gottesdienstes unter der Teilnahme von Bischöfen der Kirchen an die Opfer erinnert und klarmacht, dass die Erinnerung aufrecht erhalten werden soll. Hier treffen wir – ich bin immer mit dabei – die Angehörigen der Opfer. Aber Sie haben Recht, auf der Ebene des Staats- oder des Ministerpräsidenten hat es eine solche würdigende Geste nicht gegeben.

Es gibt bis heute viele offene Fragen zu den Ermittlungen. Sie selbst haben dazu einmal gesagt, dass bei einer besseren Zusammenarbeit der Behörden mindestens die letzten beiden Morde wohl hätten verhindert werden können. Auf der anderen Seite ist, wie Sie auch schon vorher gesagt hatten, die Verwicklung der Geheimdienste bis heute nicht aufgeklärt. Warum ist das so?

Das ist eine gute Frage. Fest steht, dass die Geheimdienste zur Zeit der Mordserie in einem desolaten Zustand waren. Ob es Nachlässigkeit war, ob Absicht, das habe ich ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr verfolgt und ich kann dazu heute nichts Konkretes und Qualifiziertes sagen.

Die Mordserie hat sich ja nicht unter Ihrer Regierung ereignet, sondern unter der sozialistisch-liberalen Regierung. Eine Aufklärung der Unklarheiten in den Ermittlungen hätte Ihnen also eigentlich nicht schaden können, im Gegenteil. Warum ist sie dennoch nicht erfolgt?

Das ist für mich auch eine offene Frage, viel mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich habe Vermutungen. Mehr nicht. Die Kontinuität ist in solchen Dingen immer stärker als die Diskontinuität.

Was sind Ihre Vermutungen?

Dass die Kontinuität in den Behörden immer wichtiger ist als die Aufklärung solcher Dinge, wie Sie sie angesprochen haben. Man schützt sich. Regierungen kommen und gehen, der Geheimdienst bleibt.

Aber es braucht ja auch eine Regierung, die dabei mitmacht. Letztlich sieht es so aus, dass auch Ihre Regierung kein Interesse daran hatte, alle Unklarheiten im Zusammenhang mit den Romamorden aufzuklären.

Das weise ich entschlossen zurück.

Sie haben lange Zeit das Schicksal einzelner Überlebender oder ihrer Angehörigen persönlich verfolgt. Tun Sie das immer noch?

Ich habe das in den letzten Jahren nur in eingeschränktem Maße persönlich tun können, denn mein Ministeramt hat mir nur wenig Zeit gelassen. Im Fall des Mädchens aus Kisléta habe ich das zum Teil gemacht. Ich habe versucht über die Organisation Weißer Ring eine Betreuung für sie zu organisieren, ich habe eine ästhetische Operation für Sie organisiert, ich habe sie auch besucht, ab und zu angerufen, zum letzten Mal letztes Jahr, als sie ihren Berufsabschluss als Köchin gemacht hatte.

Die Entschädigungslösung, die Sie mit auf den Weg gebracht haben, bedeutete Einmalzahlungen an die überlebenden Opfer und ihre Angehörigen. Im Nachhinein ist es so, dass es den Betroffenen nicht aus ihrem Elend heraus geholfen hat. Wäre es nicht besser gewesen, eine langfristige Lösung zu finden, z.B. in Form von Zahlungen monatlicher Renten?

Ja, doch, ich denke in diesem Punkt haben Sie zumindest für einige Fälle Recht. Ich habe in den Fällen einiger Betroffener von Anfang an gesagt, dass Einmalzahlungen keine guten Lösungen sind. Letztlich konnte ich mich leider nicht durchsetzen. Einerseits muss ich sagen, dass wir als Staat bei der Konzipierung der Entschädigung auch etwas überfordert waren, andererseits habe ich auch immer wieder Aussagen hören müssen wie die, dass wir doch den Zigeunern nicht jahrelang Mentoren zur Seite stellen können. Sie bekommen das Geld, hieß es, sie sind dann dafür verantwortlich und fertig. Und wenn sie es vergeuden, dann lernen sie vielleicht etwas daraus oder nicht. Es gibt aber auch Familien der Opfer, die das Geld sehr gut angelegt haben.

Sehen Sie noch eine Möglichkeit für ein langfristiges Programm zur Unterstützung der überlebenden Opfer und Ihre Angehörigen?

Es gab die Entschädigungslösung der Regierung, und ich denke, damit wurde die Angelegenheit ad acta gelegt. Ich sehe wenig Chancen für eine nochmalige weitere Lösung. Aber vielleicht können wir aus der ganzen Angelegenheit lernen, dass es wichtiger ist, Opfer langfristig menschlich zu begleiten, als einmal eine bestimmte Summe zu zahlen.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang insgesamt die Roma-Politik, die Sie als Minister in den letzten Jahren gemacht haben – eine Politik, an der es ja durchaus viel Kritik gab.

Ich möchte jetzt gar nicht so sehr unsere und meine eigene Politik loben, sondern sagen, dass die Voraussetzungen für die Integration der Roma noch nie so gut waren wie jetzt. Ich sage nicht, dass die Lage gut oder sehr viel besser ist, ich sage, die Voraussetzungen, etwas entscheidend zu verbessern, waren noch nie so gut. Es gibt praktisch Vollbeschäftigung, was auch ein Ergebnis unseres Programmes für kommunale Arbeit ist. In vielen Fällen wollen die Roma teilhaben an diesem kommunalen Arbeitsprogramm. Es gibt auch gute Erfahrungen mit diesem Arbeitsprogramm, weil es einen Weg auf den freien Arbeitsmarkt bietet. Ein beträchtlicher Teil der Menschen, die in kommunalen Arbeitsprogrammen waren, hat inzwischen Arbeit auf dem freien Markt gefunden.

Ungarische Sozialexperten bestreiten das. Sie behaupten, dass die kommunalen Arbeitsprogramme eben keinen Weg in den freien Arbeitsmarkt bieten.

Nein, das stimmt nicht. In den letzten Jahren haben 150.000 Menschen aus diesen Arbeitsprogrammen den Weg auf den freien Arbeitsmarkt gefunden.

Worauf stützt sich diese Zahl?

Das ist die Zahl derjenigen, die aus den kommunalen Arbeitsprogrammen ausgeschieden sind. Die müssen ja irgendwo geblieben sein. Staatliche Hilfen bekommen sie nicht. Das heißt, sie sind irgendwo auf dem freien Markt untergekommen.

Es gab große Kontroversen um Ihr Plädoyer für separates Lernen von Roma-Kindern.

Sie formulieren das sehr vorsichtig. Man hat mir dieses Wort von „liebevoller Segregation“ untergeschoben, was ich nie gesagt habe. Ich habe sogar einen Prozess in dieser Sache gewonnen. Ich habe niemals für Segregation plädiert. Es ging lediglich um diesen einen Ausnahmefall der Huszártelep-Schule in Nyíregyháza, wo die katholische Kirche einen pädagogischen Versuch startete und eine sogenannte Menschenrechtsorganisation diese Schule schließen wollte. Ich kämpfte dagegen. Das Gericht hat mir Recht gegeben. Ansonsten sehe ich die Segregation im Bildungswesen eher als problematisch an. Insgesamt denke ich, dass man im Einzelfall entscheiden muss, ob separates Lernen als Vorbereitung auf ein weiteres gemeinsames Lernen sinnvoll sein kann oder nicht. Ich denke, dass es wichtig ist, immer die Einzelfälle zu untersuchen und anhand der Gegebenheiten zu entscheiden. Es gibt kein allgemeines Rezept, das überall gültig ist. Mein Stolz sind Programme wie „Nő az esély“, das Roma-Frauen bessere Chancen und Voraussetzungen für Bildung und Beschäftigung gewährleistet, oder das „Keresztény Roma Szakkollegiumi Hálózat“, das Netzwerk Christlicher Roma-Fachinternate. Es ist eine wirklich große Sache, dass man innerhalb der letzten drei Jahre die Präsenz von Roma an Universitäten verdoppelt hat. Nennen Sie mir ein anderes Land, in dem das der Fall ist. Da geht es nicht um eine Verdopplung von 2 auf 4, jetzt studieren ca. 5.000 Roma-Studenten an ungarischen Universitäten. In diesem Zusammenhang kann ich Ihnen eine Anekdote über Viktor Orbán erzählen: Ich habe ihn einmal darum gebeten, bei einer Abschlussveranstaltung des Netzwerkes Christlicher Roma-Fachinternate dabei zu sein. Bei dieser Gelegenheit waren 400 Roma-Studenten dort, alle hatten ein Diplom, sie haben zusammen gefeiert, gegessen, gesungen und wir haben Viktor Orbán eingeladen. Sieben Leute haben ihre Lebensgeschichte erzählt. Orbán war wirklich gerührt. Da waren Studenten dabei, die erzählt haben, ich hatte keinen Vater, wir waren sechs Geschwister und jetzt habe ich ein Diplom. Als der erste der sieben Absolventen sagte, er wolle Kommunikationswissenschaftler werden, der nächste, er wolle Anthropologe werden, sagte Orbán zu mir, oh Mann, Zoli, was soll das jetzt?! Dann kam der dritte und sagte, ich werde Polizist, und Orbán sagte zu mir, na, Zoli, das ist doch jetzt mal ein ordentlicher Beruf. Man kennt das Problem, man braucht nicht tausende Politologen, Anthropologen und Kommunikationswissenschaftler, sondern Ingenieure und Ärzte, aber bei Orbán ist dieses Denken etwas stärker ausgeprägt. Jedenfalls hat Orbán dann eine Rede gehalten und gesagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass solche Lebenswege möglich sind, aber sie sind möglich.“ Es war wirklich schön für alle.

Was sagen Sie zu den Auftritten von Viktor Orbán, bei denen er Bemerkungen latent rassistischer Art am Rande des Zumutbaren gemacht hat, siehe zum Beispiel der Auftritt mit Flórián Farkas 2012, als er sagte, alle müssten arbeiten, niemand dürfe Kriminalität als Lebensmodell haben.

Bei derselben Gelegenheit hat Orbán gesagt, ich bin hierher gekommen, weil ich gehört habe, dass es hier Leute gibt, die arbeiten wollen.

Was ja ebenfalls etwas zynisch klingt.

Nennen Sie mir einen einzigen Ministerpräsidenten in Mittel- und Südosteuropa, der bereit ist, sich jedes Jahr mit Roma zu treffen und darüber zu sprechen, dass diese Leute Ressourcen sind. Arbeitsressourcen und menschliche Ressourcen für Ungarn.

Der rumänische Staatspräsident Traian Basescu beispielsweise hat das in seiner Amtszeit fast jedes Jahr gemacht, wenn auch anders. Er fuhr zu einem Roma-Festival.

Ja, gut. Jedenfalls steht hinter den Auftritten von Orbán eine Politik. Und deshalb werden Sie in Brüssel, Berlin, Paris, Rom kaum Roma aus Ungarn finden, die betteln.

Letztes Jahr sprachen Sie in Bad Tusnád davon, dass noch nicht entschieden sei, ob die ungarisch sprechenden Roma in Ungarns Nachbarländern ein „Belastungsfaktor oder eine Ressource“ seien. Dafür wurden Sie viel kritisiert. Wie kommentieren Sie die Kritik an dieser Äußerung?

Bei der Lösung schwieriger Fragen und Probleme hilft es nicht, wenn man die Dinge nicht beim Namen nennt, nur weil man politisch korrekt bleiben will. Ob der Staat für die ungarisch sprechenden Roma, die außerhalb unserer Grenzen, in Rumänien, Serbien oder der Slowakei leben, in diesem Sinne eine Verantwortung trägt, ob sie die dortigen Gemeinschaften vorwärtsbringen oder eher benachteiligen, ist eine offene Frage. Diese offene Frage habe ich letztes Jahr thematisiert, die ich meinerseits übrigens schon vor Jahren beantwortet habe. 2011 habe ich noch als Staatssekretär eine Konferenz in Tirgu-Mures, in Rumänien unter Teilnahme von Roma- und ungarischen Experten organisiert, wo die zentrale Frage war, was wir für die ungarisch sprechenden Roma in Siebenbürgen tun könnten. Solche Regierungsprojekte sind aber in Ungarn noch nicht vorhanden. Ich wies darauf hin, dass wir entscheiden sollten, ob wir solche Projekte und Programme brauchen oder nicht. Ich wollte also diese Situation beschreiben, in der es einer Entscheidung auf der Ebene des Staates bedarf. Meine eigene Entscheidung habe ich aber schon vor Jahren getroffen.

Sie sind jemand, der bei aller Kritik glaubhaft daran interessiert war, etwas für die Inklusion der Roma zu tun. Wie schwierig war das in der ungarischen Regierung? Wie oft mussten Sie sich gehässige Sprüche anhören?

In der ersten Zeit, als wir wirtschaftlich sehr schlecht da standen, war es wirklich schwierig. Aber als sich die wirtschaftliche Lage besserte und damit auch die finanzielle Lage, wuchs auch das Bewusstsein dafür, dass wir etwas für Roma tun müssen. Ja, es ist wahr, es gab zum Teil immer wieder gehässige Sprüche wie den eines Kollegen, der sagte, ja, eine Maßnahme könne doch sein, dass man den Roma *** Französisch beibringt. Sie verstehen. (Zoltán Balog verzieht das Gesicht.) Oder nehmen Sie die Bemerkung eines Regierungsmitglieds, das sagte, wir haben 500 Jahre lang keinen Erfolg bei der Roma-Integration gehabt, wie soll das denn jetzt mit den Migranten funktionieren?! Das ist natürlich in dieser Form Unsinn. Wenn das stimmt, wer trägt die Schuld für die verpasste Integration? Aber ich denke, ein Gradmesser für die Erfolge sind auch die letzten Wahlen. Die Wahlbeteiligung war unter den Roma mit am höchsten, 80 Prozent. Von denen wiederum haben 90 Prozent Fidesz gewählt. Das geht nicht mit Gulaschsuppe und einer Flasche Bier. Ja, vielleicht gab es sowas in Einzelfällen, so wie auf allen Seiten. Insgesamt denke ich, dass die Dinge sich in eine gute Richtung bewegen, viel langsamer, als es sein sollte. Es stimmt, das Bildungswesen ist der schwächste Bereich. Aber die Dinge bewegen sich in eine positive Richtung.

Herr Minister, vielen Dank für das Gespäch!

 

 

Hilfe für die überlebenden Opfer und Angehörigen

der Roma-Mordserie

Der ehemalige liberale ungarische Parlamentsabgeordnete József Gyulás, der 2009/2010 als Mitglied des Ausschusses für nationale Sicherheit im ungarischen Parlament an der Untersuchung zur Aufklärung der Ermittlungspannen während der Roma-Mordserie beteiligt war, ist seit vielen Jahren Sprecher und Koordinator einer Gruppe von privaten Unterstützern, die den überlebenden Opfern und Angehörigen der Roma-Mordserie in Notsituationen helfen. Wer spenden möchte, kann dies mit einer Überweisung tun:

MagNet Bank

Konto: HU60 1620 0106 0006 4620 0000 0000

BIC(SWIFT): HBWEHUHB

Kontoinhaber: Oltalom Karitatív Egyesület Központ

Stichwort: Hilfe für Roma-Mordopfer

Weitere Informationen zu den überlebenden Opfern und Angehörigen der Roma-Mordserie finden Sie auf dieser Webseite in der Kategorie Roma-Morde in Ungarn. Über das Kontaktformular dieser Webseite können Spender den Autor kontaktieren und Informationen zur Verwendung ihrer Spende erhalten.