„Ich wollte schon immer die Wahrheit erfahren und für Gerechtigkeit sorgen“

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In der Bevölkerung ist sie beliebt, bei Politikern verhasst: Laura Codruța Kövesi, Staatsanwältin und Chefin der rumänischen Anti-Korruptionsbehörde DNA. Seitdem sie die Behörde leitet, kommen immer mehr korrupte Politiker, Beamte und Unternehmer ins Gefängnis. Im Interview spricht sie über Erfolge und Misserfolge ihrer Arbeit, über berechtigte und unberechtigte Kritik am Anti-Korruptionskampf in Rumänien – und ausnahmsweise auch über Privates.

Frage: Frau Kövesi, Sie sind die Chefin derjenigen Behörde Rumäniens, der die Bürger Rumäniens am meisten vertrauen. In Umfragen über die populärsten Politiker und Persönlichkeiten des Landes stehen Sie regelmäßig auf den ersten drei, vier Plätzen. Wie fühlen Sie sich mit diesem öffentlichen Ansehen?

Laura Codruța Kövesi: Ich fühle mich wie jeder Chef einer Behörde, ich trage eine große Verantwortung. Bevor ich Leiterin der DNA wurde, war ich sechs Jahre lang Generalstaatsanwältin gewesen, ich wusste also, wie die Arbeit der DNA aussieht. Die DNA hat ihr Ansehen dank der guten Ergebnisse im Kampf gegen die Korruption auf höchstem Niveau gewonnen. Unsere Ermittlungen betreffen in erster Linie Personen mit hohen Funktionen oder Fälle von großer Bedeutung für die Gesellschaft. Deshalb schauen die Leute genau auf das, was wir machen. Zugleich haben wir Verurteilungen erreicht, das bedeutet, dass unsere Anklageschriften gut ausgearbeitet waren und wir stichhaltige Beweise hatten. Ich weiß nicht, ob man unbedingt davon sprechen sollte, was für ein gutes Image unsere Behörde hat. Ich denke, in erster Linie vertrauen die Bürger tatsächlich unserer Arbeit.

Die Zahl der Strafanzeigen, die Sie von Bürgern erhalten, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Ja, der Umstand, dass wir mehr Vertrauen in der Bevölkerung gewonnen haben, hat dazu geführt, dass wir mehr Strafanzeigen bekommen als in früheren Jahren, und zwar auch in wichtigen Fällen. Insbesondere die Anzahl der Anzeigen von Leuten, die in Behörden und öffentlichen Institutionen arbeiten, wächst.

In den letzten zweieinhalb Jahren ist die Zahl der Fälle geradezu spektakulär gestiegen, darunter auch die Zahl der Fälle hochrangiger Politiker und Beamter. Gleichzeitig hat die DNA nicht sehr viel mehr Personal als in früheren Jahren. Hat Ihr Vorgänger, Daniel Morar, schlecht gearbeitet?

Ich denke, alle DNA-Mitarbeiter haben zur jeweiligen Zeit das Beste zur Arbeit der Behörde beigetragen. Wir sind eine Behörde, in der alle Mitarbeiter etwas beitragen, das hängt nicht an einer einzigen Führungsperson. Was mein Mandat als Leiterin der DNA betrifft, so haben meine Kollegen und ich versucht, Prioritäten zu setzen und uns etwas besser zu organisieren. Tatsächlich ist die Anzahl der Fälle sehr stark gestiegen. Allein in diesem Jahr haben wir über 10.000 Fälle bei nur 100 Staatsanwälten, weitere 50 Staatsanwälte sind ausschließlich in Gerichtsverfahren präsent. Die gestiegene Zahl der Fälle hat mehrere Ursachen. Anfangs wollten viele Staatsanwälte nicht zur DNA, es herrschte Verunsicherung. Es gab viele offene Stellen, die wir im Laufe der Zeit versucht haben zu besetzen. Dabei hat mir meine Erfahrung als Generalstaatsanwältin geholfen; ich konnte viele gute, professionelle Staatsanwälte im System identifzieren, die grundsätzlich bereit waren, in der DNA zu arbeiten. Ein zusätzlicher Faktor war auch das, was ich die „Reifung“ der Staatsanwälte in ihrer Unabhängigkeit nennen würde, das war ein Prozess, der gedauert hat. Vor zehn Jahren war es in Rumänien fast unmöglich, gegen einen Minister oder einen Staatssekretär oder eine wichtige Person zu ermitteln. Das heißt, gesetzlich war das auch damals natürlich schon möglich, aber die Staatsanwälte mussten erst lernen, dass sie unabhängig vorgehen konnten.

Dennoch, was ist Ihr persönlicher Beitrag?

Mein Beitrag ist ausschließlich der eines Managers. Ich ermittle nicht und bearbeite keine Fälle. Ich organisiere die Arbeit und habe Prioritäten gesetzt. Zu den Prioritäten gehören die Korruption im Gesundheitswesen, bei öffentlichen Ausschreibungen und der Betrug bei der Vergabe von Geldern aus EU-Fonds. Außerdem habe ich die Personalverteilung neu organisiert. Mein wichtigster Beitrag ist vielleicht, dass ich meine Kollegen vor dem Druck und vor Einmischungen von außen schütze. Aber die Fälle, die Ermittlungen und Anklagen, die sind das Verdienst der Staatsanwälte.

Nach welchen Gesichtspunkten setzen Sie Prioritäten?

Es sind Fälle, die von großer Bedeutung für die Gesellschaft sind, oder Fälle von Leuten mit wichtigen Funktionen. Daneben, wie gesagt, Fälle von öffentlichen Auschreibungen, in denen es um viele Millionen Euro geht, Fälle mit EU-Geldern. Außerdem waren ältere Fälle, die bereits lange lagen, eine meiner Prioritäten. Wir analysieren die Situation der Kriminalität alle drei Monate, und abhängig von den Ergebnissen setzen wir Prioritäten. Beispielsweise mussten wir feststellen, dass die Korruption im Gesundheitswesen und in Bildung allgemein steigt, deshalb ist das eine Priorität für uns.

Seitdem Sie Chefin der DNA sind und die Zahl der Fälle so spektakulär in die Höhe gegangen ist, ist auch die Kritik an Ihnen und der DNA lauter geworden. Ein Vorwurf vieler rumänischer Politiker lautet, die DNA sei eine politische Polizei.

Das sind wir absolut nicht. Wir sind eine Institution, die das Gesetz respektiert, anwendet und ihm zur Geltung verhilft. Dieser Vorwurf wird uns gemacht, weil viele unserer Fälle Politiker betreffen. Aber wir ermitteln nicht, weil jemand Politiker ist, sondern weil jemand in einer öffentlichen Institution arbeitet und unter Korruptionsverdacht steht. Außerdem haben wir in den letzten Jahren gegen Politiker aller Parteien ermittelt und nicht nur gegen Politiker einer bestimmten oder einer einzigen Partei. Wir hatten auch sehr viele Fälle von Bürgermeistern und Lokalpolitikern. Das beweist, dass wir uns nicht auf Politiker einer einizigen Partei konzentrieren. In 93 Prozent der Fälle standen am Ende rechtskräftige Urteile, das zeigt, dass wir im Zuge unserer Ermittlungen solide Beweise präsentiert und nichts erfunden haben. Wir arbeiten gesetzeskonform und gründlich.

Kritik kommt auch von unabhängigen Beobachtern und Kommentatoren. Sie lautet unter anderem, dass Korruption allein mit der DNA auf lange Sicht nicht erfolgreich bekämpft werden kann; es müsse eine tiefgreifendere Bekämpfung der Ursachen geben.

Natürlich bedeutet der Kampf gegen Korruption nicht nur die Arbeit unserer Behörde, darauf habe ich selbst in den letzten Jahren oft hingewiesen. Wir werden das Problem der Korruption nicht in den Griff bekommen, wenn wir nur Leute verhaften. Wir hatten in den letzten Jahren Ärzte, Krankenhausdirektoren und Manager, sogar Staatssekretäre, die für Korruption im Gesundheitswesen vor Gericht mussten. Doch dadurch ist das Problem im Gesundheitswesen nicht verschwunden. Parallel zu unserer Arbeit muss es eine Vorbeugung geben. Krankenhausinfektionen verschwinden nicht durch Verhaftungen von Ärzten. Die Bildungsprobleme werden nicht durch die Verhaftungen von korrupten Lehrern verschwinden. Das gilt für alle Bereiche. Die Zahl der Verhaftungen steigt, aber die Korruption verschwindet nicht, d.h. Präventivmaßnahmen sind unerlässlich und sehr wichtig. Zugleich muss man tatsächlich betonen, nicht die DNA ist dafür da, das Problem der Korruption zu beseitigen. Das ist eine Sache der Gesellschaft, nicht nur der Behörden und Institutionen, da geht es auch um das Bewusstsein und die Mentalität jedes Einzelnen. Zugleich stelle ich aber auch fest, dass die DNA dazu beigetragen hat, die Mentalität zu ändern. Die Leute akzeptieren nicht mehr so einfach, dass von ihnen Schmiergeld gefordert wird, sie sind empört, wir bekommen, wie bereits gesagt, mehr Anzeigen, und die öffentliche Debatte zum Thema ist sehr viel intensiver geworden.

Viel Kritik kam in den letzten Jahren auch daran, dass die Erfolge der DNA zum großen Teil auf abgehörten Telefongesprächen beruhe, wobei der Inlandsgeheimdienst SRI für Sie die Abhörarbeit übernommen hat. Letzteres war ja kürzlich auch Gegenstand einer Entscheidung des Verfassungsgerichtes.

Was die Kritik an unseren Arbeitsmethoden betrifft: Wir sind Kontrollen unterworfen, und außerdem basiert keine Ermittlung und keine Anklage nur auf Abhörungen. Wir haben sogar viele Fälle, in denen niemand abgehört wurde.

Das Verfassungsgericht hat im Februar entschieden, dass der SRI nicht mehr für Ihre Behörde abhören darf. Wie kommentieren Sie dieses Urteil?

Als Richter und Staatsanwälte können wir Entscheidungen des Verfassungsgerichtes nicht kommentieren. Sicher, das Urteil hat uns in Schwierigkeiten gebracht, weil wir uns reorganisieren müssen. Wir können nicht in ein, zwei Wochen die Arbeitsweise von Jahren ändern. Wir müssen jetzt innerhalb sehr kurzer Zeit neue Ressourcen finden, neues Personal finden und ausbilden. Wenn wir eine Frist von mehreren Monaten oder einem Jahr gehabt hätten, wären wir besser vorbereitet gewesen. Jetzt müssen wir das Personal für die technischen Operationen, die vorher der SRI ausgeführt hat, selbst ausbilden.

Wie wird Ihre Spezialeinheit für das Abhören aussehen?

Wir brauchen in einer ersten Phase ca. 120 zusätzliche Polizisten, und wir müssen sehen, ob die Zusatzmittel, die wir beantragt haben, ausreichen. Wir hatten bereits eigene technische Ausrüstungen für das Abhören von Telefonen, dieses Problem ist also schon gelöst.

Ganz allgemein: Was bedeutet Korruption in Rumänien: Geht es mehr um Tradition und Mentalität, oder entspringt sie Fehlkonstruktionen im politischen und im Verwaltungssystem?

Ein Soziologe wird das sicher besser erklären können. Als Staatsanwältin denke ich, dass wir es nicht in erster Linie mit einer Mentalität zu tun haben, sondern dass Korruption oft durch unklare, intransparente oder nicht vorhandene Regeln zustande kommt, durch fehlende Präventivmaßnahmen. Aber sicherlich trägt auch ein Denken dazu bei, das lautet, so und so, haben wir es jahrzehntelang gemacht, und so kann es auch weitergehen. Es sind komplexe Faktoren.

Rumäniens ehemaliger Staatspräsident Traian Băsescu, der Sie als jahrelang protegierte, hat in jüngster Zeit angefangen, sie zu attackieren. Wie ist Ihre Beziehung gewesen? Und: War der Kampf gegen Korruption unter seiner Präsidentschaft einseitig und politisiert?

Ich kommentiere das nicht. Ich habe mit Rumäniens Staatspräsidenten nur institutionelle Beziehungen, Treffen fanden und finden nur in institutionellem Rahmen statt und nur im Rahmen der Befugnisse des Staatspräsidenten. Alles andere kommentiere ich nicht.

Wie sehen Sie die Attacken Băsescus auf Ihre Person?

Es gibt sehr viele Angriffe auf die DNA, auf Staatsanwälte, bezüglich einzelner Fälle, auch von Leuten, die wichtige Funktionen hatten und haben. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und unsere Arbeit machen.

Der jetzige Staatspräsident Klaus Johannis ist derjenige, der unter allen bisherigen Präsidenten bisher am klarsten betont, dass die Justiz frei und unabhängig sein muss und dass sie nicht mehr beeinflusst werden darf. Wie bewerten Sie diese wiederholten Botschaften von Klaus Johannis?

Wir haben zu Johannis ebenfalls nur institutionelle Beziehungen. Die Befugnisse des Staatspräsidenten in Bezug auf DNA sind beschränkt. Wir laden die Staatspräsidenten jedesmal ein, wenn wir unsere Jahresbilanz präsentieren. Ich selbst habe keine persönlichen Beziehungen zu keinem Staatspräsidenten, Ministerpräsidenten oder anderen wichtigen Personen im Staat. Wenn uns jemand aus diesem Personenkreis unterstützt, freuen wir uns, und manchmal brauchen wir diese Unterstützung auch.

Sehen Sie einen Unterschied in der Art und Weise, wie Băsescu und Johannis an den Kampf gegen Korruption herangingen und -gehen?

Dazu kann ich keine Bewertungen abgeben. Ich kann nur sagen, dass ich mich jedenfalls nicht geändert habe. Meine Prinzipien sind im Laufe der Jahre dieselben geblieben, meine Arbeit ist dieselbe geblieben, unabhängig von den jeweiligen Staatspräsidenten.

Ist die Justiz in Rumänien immer noch parteiisch?

Nein, jedenfalls nicht im Bereich des Kampfes gegen die Korruption. Unsere Arbeit basiert auf Beweisen. Wir wählen Personen, gegen die wir ermitteln, nicht aufgrund subjektiver Kriterien aus. Oft sind es Ereignisse, die uns dazu bringen, Prioritäten zu modifizieren oder uns mit einem bestimmten Fall zu beschäftigen. Wir haben in letzter Zeit viele Anzeigen im Zusammenhang mit öffentlichen Auschreibungen und EU-Geldern bekommen, deshalb denke ich, das wir in diesem Bereich mehr in Ressourcen und Personal investieren müssen.

Was die Richter im Justizsystem angeht – es gab Fälle, in denen rumänische Medien kritisierten, dass Urteile übereilt oder parteiisch waren oder aufgrund schlechter Beweislage getroffen wurden. Ein Beispiel ist der Fall des früheren Devisenbeschaffers von Ceausescu bzw. der Securitate und des heutigen Medienmoguls Dan Voiculescu. Wie kommentieren Sie das?

In der Vergangenheit gab es Fälle, in denen die Ermittlungen und die Verfahren sehr, sehr lange gedauert haben. Manchmal wurden Urteile erst nach sechs, acht oder zehn Jahren gesprochen. Der Umstand, dass die Urteile jetzt schneller gefällt werden, bedeutet nicht, dass das Gesetz nicht respektiert wird. In den letzten zwei Jahren sind viele Fälle viel schneller gelöst worden, die Richter sind widmen diesen Angelegenheiten mehr Ausmerksamkeit. Wenn jemand mit einem rechtskräftigen Urteil unzufrieden ist, kann er sie beim CEDO reklamieren. Wenn es aber ein rechtskräftiges Urteil gibt, können wir nicht sagen, es ist schlecht. Es gab natürlich in der Vergangenheit Fälle, in denen auch gegen Richter oder Staatsanwälte ermittelt wurde, weil sie parteiische Entscheidungen getroffen haben, aber das sind wenige Fälle.

Sie haben bereits auf die Situation im Gesundheitswesen hingewiesen. Aktuell erschüttern schier unglaubliche Korruptionsskandale im gesundheitswesen die rumänische Gesellschaft. Unter anderem lieferte die Firma Hexi Pharma jahrelang gepanschte Desinfektionsmittel an die Mehrzahl der rumänischen Krankenhäuser; es gibt Indizien dafür, dass manche Krankenhausmanager bei diesem Betrug mitmischten. Wie kommentieren Sie diesen und andere aktuelle Fälle, in denen Sie ermitteln?

Ich möchte keine Einzelfälle kommentieren. Wie gesagt, die Korruption im Gesundheitswesen war und ist in unserer Arbeit in den letzten Jahren eine Priorität, wir hatten Fälle im Zusammenhang mit der Verschreibung von Medikamenten, fragwürdige Entscheidungen zur Verrentung, Begünstigung von Personen, betrügerische Anschaffung von Ausrüstungen und Medikamenten für Krankenhäuser, Fälle beim Bau und der Modernisierung von Krankenhäusern. Sehr schwerwiegend ist, dass die Fälle sich immer wiederholen, wir haben zum Teil Wiederholungstäter, die verurteilt wurden und immer noch auf ihren Posten sind. Der Fall Hexi Pharma mit seinem Aspekt betrügerischer Ausschreibungen ist prinzipell nicht neu. Unabhängig von unseren Ermittlungen, muss man sagen, dass die Probleme im Gesundheitswesen leider bestehen bleiben, denn die Summen, die dort umgesetzt werden, sind sehr groß und sie steigen. Zudem ist der Prozentsatz des Schmiergeldes höher als anderswo, während im Baugewerbe 10 Prozent des Vertragswertes üblich sind, reicht die Summe im Gesundheitswesen bis zu 20 Prozent. Das zeigt, dass wir den Kampf gegen Korruption im Gesundheitswesen intensivieren, aber auch andere Strategien finden müssen als nur die Arbeit DNA. Wir können die Mechanismen aufzeigen und Fälle lösen, aber das Gesundheitsministerium muss daraus die Schlussfolgerungen ziehen und Mechanismen der Vorbeugung finden.

Rumänien ist zur Zeit in der EU und in Europa einer der Vorreiter beim Anti-Korruptionskampf. Wie ist das Echo aus dem Ausland?

Wir bekommen viele Anfragen, sowohl aus der EU, als auch von anderswoher. Unsere Staatsanwälte nehmen an EU-Erfahrungsaustauschen und -Programmen oder an Evaluierungsprozessen und Weiterbildungsmaßnahmen teil. Wir können durchaus sagen, dass wir ein Beispiel und ein Vorbild für eine gute Praxis sind. Wir haben viele Erfahrungen beim Kampf gegen Korruption auf höchster Ebene und wir haben eine moderne Gesetzgebung. Im Ausland ist man besonders an unserer Organisationsstruktur interessiert – wir haben eine eigene Polizei, viele Spezialisten, eine eigene technische Struktur, und deshalb sind wir als Experten auch in anderen Ländern gefragt.

Gibt es solche Anfragen auch aus Deutschland?

Nicht direkt. Aber wir haben deutsch-rumänische Weiterbildungsprogramme und arbeiten thematisch auch mit Stiftungen wie der Konrad-Adenauer- oder der Hanns-Seidel-Stiftung zusammen.

Die rumänische Gesellschaft scheint mitunter messianische Erwartungen an Ihre Person zu knüpfen. Ihr Bild findet sich oft auf den Titelseiten von Magazinen, die Medien beschreiben Sie in Abgrenzung zu den existierenden Klischees über die rumänischen Verhältnisse als gefürchtete, gnadenlose Ausnahmekämpferin und Ritterin der Korrektheit, der Ehrlichkeit und der Prinzipientreue. Fühlen Sie sich so?

Ich bin überhaupt nicht anders als die meisten anderen Rumänen. Die meisten Menschen in diesem Land sind ehrlich, anständig, korrekt und professionell, die korrupten Leute sind eine Minderheit. Es gab in den letzten Jahren immer wieder Situationen, in denen Menschen im Land in großer Zahl gegen Korruption demonstriert haben, und den Umstand, dass wir immer mehr Anzeigen bekommen, habe ich bereits erwähnt. Das zeigt, dass unsere Institution sich von der Mehrheit nicht unterscheidet.

Sie legen bekanntermaßen Wert auf eine gewisse Normalität in Ihrem Privatleben, d.h. Sie gehen selbst einkaufen, gerne zu Fuß, besuchen Restaurants und Kinos? Zugleich sind Sie gewissermaßen ein Star und Idol der Öffentlichkeit. Werden Sie in der Öffentlichkeit oft angesprochen?

Ja, ich lebe normal und gewöhnliches, ich gehe manchmal zu Fuß nach Hause, mit Freunden in Restaurants und kaufe auf dem Markt selbst ein. Anfangs haben sich die Verkäufer darüber gewundert. Ich habe ihnen gesagt, dass ich genauso kochen und essen muss wie alle anderen auch. Jetzt ist es für sie völlig normal, dass ich einkaufen gehe. Manchmal erkennen mich Leute auf der Straße oder im Restaurant, beglückwünschen und ermutigen mich, sie sagen: „Machen Sie weiter so!“ oder „Bravo DNA, geben Sie nicht auf!“ Das passiert mir relativ oft. Manchmal, wenn ich mit dem Auto an der Ampel stehe, hupen die Fahrer in den Wagen neben mir und machen Siegeszeichen mit den Händen. Das freut mich natürlich, das gibt einem Vertrauen, und es ist ein Zeichen der Wertschätzung für die Arbeit der DNA. Solche Szene passieren nicht nur mir, Ich habe viele Kollegen hier, die von ihren Bekannten beglückwünscht werden, wenn sie erfahren, dass sie bei der DNA arbeiten. Das heißt, dass alle in diesem Land, außer denen, die korrupt sind, dasselbe wollen, nämlich in einem korrekten, anständigen Land zu leben.

Anderseits werden Sie in bestimmten Medien regelmäßig medial gelyncht, es gibt regelrechte Schmutz- und Hetzkampagnen gegen Sie. Wie stark sind da Ihre Nerven?

Es steht ja schon in der Stellenbeschreibung, dass man stressresistent sein muss (lacht). Natürlich ist man auf öffentlichen Posten immer exponiert. Problematisch wird es, wenn die Angriffe verleumderisch und lügnerisch sind und wenn sie auch das Privatleben betreffen. Manchmal reagiere ich darauf, zur Zeit beispielsweise prozessiere ich gegen den Fernsehsender Antena 3 wegen verleumderischer Aussagen. Wir werden beispielsweise oft dafür kritisiert, dass wir angeblich einen mediales Anti-Korruptionsspektakel veranstalten, wenn wir die Angeklagten in Handschellen abführen. Aber wir machen diese Show nicht – wir haben ja gar kein eigenes Fernsehen, es sind die Medien selbst, die diese Leute im öffentlichen Raum filmen, wenn wir sie zu Verhören oder in Untersuchungshaft bringen. Es ist die Verantwortung der Journalisten, wenn sie ständig die Handschellen zeigen, man sollte nicht uns die Schuld dafür zuschieben.

Kürzlich gab es angeblich den Versuch, Ihr E-Mail-Konto zu hacken, Familienangehörige und Freunde von Ihnen wurden wiederholt angerufen. Um was ging es?

Mein E-Mail-Konto wurden nicht gehackt, und es wurde auch nicht versucht. Aber Familienmitglieder und nahe Freunde wurden tatsächlich wiederholt angerufen. Die Ermittlungen zu dem Fall laufen noch. Es scheinen Personen, gegen die wir ermittelt haben, oder ihnen Nahestehende impliziert. Es war ein Versuch mich und die DNA einzuschüchtern. Weitere Einzelheiten kann ich nicht nennen.

Wollten Sie schon immer Staatsanwältin werden? Sie waren ja als Jugendliche eine erfolgreiche Basketballspielerin in der Jugend-Nationalmannschaft.

Ja, ich wollte immer Staatsanwältin werden. In meiner Schulzeit habe ich tatsächlich Leistungssport getrieben, aber nach dem Abitur war für mich klar, dass ich Jura studieren und Staatsanwältin werden möchte. Als ich 1991 begann zu studieren, gab es noch diesen Mythos, dass die Staatsanwaltschaft nichts für Frauen ist. Schauen Sie, wie dieser Mythos heute zerfallen ist. Es gab zwar damals schon einige Frauen, aber nur wenige und vor allem nicht in Leitungsfunktionen.

Ihr Vater war Staatsanwalt. Hat Sie das beeinflusst?

Ja, es gab einen gewissen Einfluss, er war immerhin vierzig Jahre lang Staatsanwalt. Allerdings sagte er mir auch, als ich anfing zu studieren, dass es auch andere Möglichkeiten im Justizsystem gäbe, das war vielleicht ein kleiner Wink. Aber ich war sehr hartnäckig und wollte unbedingt Staatsanwältin werden. Als mein Vater das sah, hat er mir sehr geholfen, mit Ratschlägen, mit seinem Beispiel, mit seinen Erfahrungen.

Haben Sie mit Ihrem Vater darüber gesprochen, wie es war, unter der Diktatur, in einem totalitären System Staatsanwalt zu sein?

Ja, natürlich, er hat viel erzählt. Es gab früher gute und schlechte Sachen. Beispielsweise mussten Urteile im Falle eines so genannten Diebstahls zum Schaden des gesellschaftlichen Vermögens nach der Verkündung durch den Richter auch vom Staatsanwalt vor dem Kollektiv in Betrieben verlesen werden. Das erscheint einem heute sehr seltsam. Die Idee war damals Abschreckung. Heute sieht man das natürlich anders.

Hat es Sie nicht abgeschreckt, Staatsanwältin werden, obwohl sie die politischen Implikationen unter dem Kommunismus kannten?

Nein, ich hatte in erster Linie den Wunsch, als Staatsanwältin in Kriminalfällen zu arbeiten. Die lokalen Staatsanwälte in Rumänien hatten vor 1989 eher wenig mit politischen Fällen zu tun. Vergessen Sie nicht, dass ich beim Sturz Ceaușescus im Dezember 1989 erst 16 Jahre alt war. 1991, als ich zu studieren anfing, waren die Zustände schon anders. In jedem Fall hatte ich einfach einen tiefen Wunsch: Ich wollte die Wahrheit erfahren und für Gerechtigkeit sorgen.

Für Gerechtigkeit sorgen?

Ja.

Das machen Sie ja jetzt. Glauben Sie, Sie werden Erfolg haben?

Ich hoffe es.

Haben Sie Vorbilder, Idole?

Ich habe kein Idol als solches, aber es gibt viele Menschen in meinem Umfeld, die mich durch das, was sie machen, beeindrucken. Sie sind kosenquent, professionell, mutig, sie geben nicht nach, auch wen sie unter Druck gesetzt werden, sie sagen die Wahrheit. All das ist mir sehr wichtig. Ich stehe zu meinen Prinzipien und ich sage meine Meinung, ich bin für Regeln, mir gefallen korrekte, mutige Leute. Mich hat auch der Sport geformt. Ein Mannschaftssport diszipliniert dich, zeigt dir, wie es ist, in einer Gruppe zu arbeiten, lehrt dich, korrekt und fair zu spielen, wenn du ein Spiel gewinnen willst. Er lehrt dich, dass du verlässlich für andere sein musst und dich auf andere verlassen können musst. Er lehrt dich, Freude und Niederlagen zu teilen.

Sie mögen es nicht, wenn man die Arbeit und die Erfolge der DNA auf Ihre Person reduziert. Dennoch: Wie wird es ohne Sie bei DNA weitergehen?

Ich habe ja gerade erst meine zweite Amtszeit angefangen, das sind ja immerhin noch drei Jahre. Allgemein gesprochen: Wenn die Stabilität und Unabhängigkeit der DNA gesichert bleibt und der rechtliche Rahmen gesichert ist, dann sind das gute Voraussetzungen dafür, dass die Arbeit der DNA auch danach so weitergeht, egal ob ich bleibe oder gehe, egal, wer die Behörde leitet. Hier arbeiten bereits viele mutige Leute mit Erfahrungen, die wissen, was zu tun ist, und wenn sie gelassen werden, dann ändert sich nichts.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Ihrem DNA-Mandat?

Ich werde weiter in der Justiz aktiv sein. Mit Sicherheit werde ich nicht als Präsidentin kandidieren oder Politikerin werden.

Frau Kövesi, vielen Dank für das Gespräch.

P.S. Das Gespräch wurde vor der Verfassungsgerichtsentscheidung vom 15.6.2016 zur Neudefinierung des Straftatbestandes des Amtsmissbrauchs geführt. Laura Codruța Kövesi teilte dem Autor zu dem Urteil mit, dass sie dieses nicht kommentieren wolle.