Rumäniens Elite und die Leugnung des Holocausts

Der Sprecher der wendekommunistischen Partei PSD leugnet den Holocaust. Er wird vorläufig suspendiert. Er soll seine Karriere fortsetzen dürfen, nachdem er das Holocaust-Museum in Washington besucht hat

Im postkommunistischen Rumänien hat die Leugnung des Holocausts durch Mitglieder der politischen und akademischen Elite eine lange Tradition. 1991 wurde Antonescu im rumänischen Parlament mit einer Schweigeminute geehrt, Paul Everac, 1992-1994 Intendant des Staatsfernsehens TVR, durfte den rumänischen Holocaust im Fernsehen live und unwidersprochen leugnen, Rumäniens größter Filmregisseur, Sergiu Nicolaescu, konnte 1993/94 „Oglinda“ drehen, eine Verherrlichung Antonescus, die das Staatsfernsehen TVR ausstrahlte.

Jahrelang wurden Straßen, Boulevards und Soldaten-Friedhöfe nach Antonescu benannt, Antonescu-Denkmäler aufgestellt. Noch vor nicht ganz zehn Jahren, im Juni 2003, „entschied“ die damalige rumänische Regierung in einem offiziellen Kommuniqué, dass es in Rumänien keinen Holocaust gegeben habe, und auch der damalige Staatspräsident Ion Iliescu sagte öffentlich, er glaube nicht, dass in Rumänien ein Holocaust stattgefunden habe.

Defilee in Nazi-Uniform

Das war zwar der Anlass für die Gründung der Internationalen Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien („Wiesel-Kommission“), die – unter der Schirmherrschaft von Iliescu – ihren Bericht Ende 2004 vorlegte – wirklich entschuldigt hat sich Iliescu für seine Aussage jedoch nie. Auch seine Parteigenossen haben den Bericht der Wiesel-Kommission anscheinend nicht besonders ernst genommen oder gelesen: Im Juli 2009 defilierte Constanţas exzentrisch-dümmlicher Bürgermeister Radu Mazăre zusammen mit seinem Sohn auf einer Modenschau in Nazi-Uniform daher, und Sergiu Nicolaescu, seit 1990 konstant Senator und FSN-PDSR-PSD-Mitglied, zieht die Verbrechen an den rumänischen Juden nach wie vor in Zweifel.

Bis heute gibt es eine ganze Schule von Historikern (Bozatu, Doja, Solomonovici usw.), die den Mord an den rumänischen Juden offen leugnet oder relativiert. In dieser Schule hat womöglich auch der (mittlerweile ehemalige) Sprecher der wendekommunistischen „Sozialdemokratischen Partei“ (PSD) Dan Şova gelernt, seines Zeichens diplomierter Historiker. Am vergangenen Montag (5.3.2012) behauptete er in einer Fernsehsendung, in Rumänien habe es keinen Holocaust gegeben und Juden sei unter Antonescu kein Leid widerfahren (der Wortlaut hier). Nebenbei erklärte Şova das Massaker von Odessa vom Oktober 1941, das wohl schlimmste und grausamste individuelle Kriegsverbrechen des Antonescu-Regimes, bei dem als Vergeltung für einen Bombenanschlag sowjetischer Partisanen in wenigen Tagen Zehntausende Juden ermordet wurden, zum simplen „Fleck in der rumänischen Militärgeschichte“.

„Ein schlimmer Ausrutscher“

Der PSD-Chef Victor Ponta reagierte, so schien es, sehr entschlossen: Zwei Tage nach dem Fernsehauftritt feuerte er seinen Parteisprecher und erklärte: „Dan Şova hat etwas sehr Schwerwiegendes behauptet, das war ein schlimmer Ausrutscher, der im Widerspruch zum Standpunkt der Partei steht. Es wurden Juden ermordet, in Rumänien, in Transnistrien und darüber hinaus. Im Namen der Partei entschuldige ich mich deshalb.“

Allerdings bedurfte es erst eines scharfen Protestes des Parlamentsabgeordneten und Vorsitzenden der Förderation der Jüdischen Gemeinden Rumäniens, Aurel Vainer, um Ponta zum Handeln zu bewegen. Die Maßnahme gegen den PSD-Sprecher ist einstweilen auch nur vorläufig. Dan Şova wurde vom Parteichef Ponta verdonnert, nach Washington ins Holocaust-Museum zu fahren und sich zu informieren: „Er ist so lange suspendiert, bis er sich angesehen hat, was ich dort auch gesehen habe“, so Ponta.

Was für eine Maßnahme!

Schon in den Abschlußempfehlungen der Wiesel-Kommission wurde gefordert, in Rumänien den Bildungsstand zum Thema Holocaust zu verbessern. Wie es einem Lehrer erging, der an einer Schule in Südrumänien die Geschichte des Holocausts unterrichten wollte, lesen Sie hier.