„Holocaust? Welcher Holocaust?!“

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Warum ein Lehrer in einem südrumänischen Ort Probleme bekam, als er die Geschichte des Holocausts unterrichten wollte

Topoloveni, im Juni 2008
Leben und Sterben in den Lagern. Darüber werden die Schüler der 6. Klasse heute etwas erfahren. Mit einem Projektor zeigt der Lehrer Daniel Serafimescu das Bild eines Güterwaggons, kühl und präzise spricht er über das Thema. „In solchen Waggons kamen sie in den Lagern an“, sagt er. „Sehr viele Personen waren darin mehrere Tage lang eingeschlossen, sie hatten keinen Platz, um zu schlafen oder zu sitzen, sie standen gedrängt, es gab kein Essen und nur manchmal Wasser.“

Serafimescu schaut in die Klasse. Er fragt: „Was fällt euch auf?“ Die Schüler überlegen. Nach einer Weile sagt ein Mädchen: „Es gibt keine Fenster.“ „Richtig“, sagt Serafimescu und deutet auf das Bild. „Nur vergitterte Luftschlitze. Was noch?“ Ein Junge meldet sich und fragt: „Hatten sie Toiletten?“ „Nein“, antwortet Serafimescu.

Er bittet die Schüler nun, sich in Viergruppen zusammen zu setzen und verteilt großformatige Bilder. Es sind die berühmtesten Bilder des Holocaust: die Selektion an der Rampe in Auschwitz, Häftlinge auf Holzpritschen, Kinder auf dem Weg in die Gaskammer. Die Schüler sprechen zuerst untereinander über die Bilder, nach ein paar Minuten fordert Serafimescu einen aus jeder Gruppe auf, die Eindrücke vor der ganzen Klasse zu schildern.

Der zwölfjährige Gavril kommt mit dem Bild von der Selektion an der Rampe in Auschwitz nach vorn. „Die Leute werden sortiert. Die Soldaten passen auf, dass keiner flieht“, sagt er in kindlich-deklamierendem Ton. „Die Situation ist sehr schrecklich. Sie steigen aus den überfüllten Waggons und werden umher gestoßen.“

Unerwünschtes Thema

Topoloveni in Südrumänien, halb Dorf, halb Neubauviertel, 10.000 Einwohner. An der Allgemeinschule des Ortes unterrichtet der Lehrer Daniel Serafimescu in einem fakultativen Kurs die „Geschichte des Holocaust“. Eine Sensation, nicht nur hier im Ort. Die Vernichtung der Juden in Europa ist fast nirgendwo an rumänischen Schulen Lehrstoff.

Vor allem Rumäniens Mitschuld ist ein unerwünschtes Thema: Während des 2. Weltkrieges wurden unter dem Regime des Diktators Ion Antonescu etwa 300.000 Juden und ermordet – vorsätzlich und ohne dass das nationalsozialistische Deutschland Rumänien dazu gezwungen hätte.

„Offiziell wird zwar anerkannt, dass es in Rumänien einen Holocaust gab“, sagt Daniel Serafimescu. „Man verurteilt ihn, aber das scheint oft wie eine Verpflichtung, die man eben gegenüber der EU oder internationalen Foren hat. Anderseits bestreiten sehr viele Menschen den Holocaust oder meinen, die Juden hätten den Rumänen viel Schlechtes angetan und daher ihr Schicksal verdient.“

Wer an Schulen dennoch über das Thema spricht, bekommt schnell Schwierigkeiten. So erging es auch Daniel Serafimescu. Seit er die Geschichte des Holocaust unterrichtet, schauen ihn viele Leute in seinem Heimatort verständnislos an. Hinter vorgehaltener Hand sagen Kollegen und Nachbarn über ihn, er sei ein „Vaterlandsverräter“ und ein „Agent Israels“.

„Die Verbrechen sind vor unseren Augen geschehen“

Der 33jährige ist ein schlaksiger, zurückhaltend-freundlicher und überaus höflicher Mann mit blondem Haar. Er hat gutmütige Augen und ein vollkommen argloses Gesicht. Er wirkt, als könne er nicht einmal zu kleinen Notlügen greifen.

Bis vor einigen Jahren, erzählt Serafimescu, hat ihn das Thema Holocaust selbst nicht interessiert. Er hatte einen vagen Begriff von den Verbrechen gegen die Juden, mehr nicht. Dann nahm er 2005 an einer Weiterbildung der Universität im siebenbürgischen Klausenburg (Cluj) teil. Dabei konnten Geschichtslehrer etwas über die Methode der oral history lernen. Während des Projektes traf er Auschwitz-Überlebende, ihre Geschichte berührte ihn sehr, er fing an sich mit dem Holocaust zu beschäftigen. Kurz darauf erfuhr er durch Zufall von einer Bildungsreise für rumänische Lehrer zur Jad-Vaschem-Gedenkstätte in Israel. Er bewarb sich und wurde angenommen. Als einziger Teilnehmer der Bildungsreise beschloss er nach der Rückkehr, an seiner Schule einen fakultativen Kurs über die Geschichte des Holocaust anzubieten.

In mühevoller Kleinarbeit sammelte er Unterrichtsmaterial, entwarf Präsentationen mit Fotos, Dokumenten und filmischen Zeugenberichten. „Ich wollte nicht das übliche Dozieren und Pauken“, sagt Serafimescu, „sondern eine andere Art von Unterricht, in der Form lebendiger und im Inhalt mit einem Bezug zu unserem heutigen Leben. Damit die Schüler begreifen, dass es immer irgendwo einen Anfang gibt, lange bevor Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt werden. Der Holocaust ist ja nichts Abstraktes oder weit Entferntes, die Verbrechen sind ja auch bei uns geschehen, vor unseren Augen.“

Serafimescu schrieb einen Informationsbrief an die Eltern der Kinder. Niemand hatte Fragen zum Kurs, alle Eltern erklärten schriftlich, sie seien mit der Teilnahme ihrer Kinder einverstanden. Zunächst gab es im Schuljahr 2006/2007 einen kurzen Pilotkurs für die sechste Klasse. Der wurde ein großer Erfolg, auch viele Schüler anderer Klassen wollten teilnehmen. So bot Serafimescu im Herbst letzten Jahres erstmals einen regulären Kurs an.

Und damit begannen auch die Probleme.

„Einige Kollegen haben auf der Straße plötzlich Eltern angesprochen und ihnen gesagt, es sei nicht gut, dass den Kindern Leichenberge gezeigt würden“, erzählt Daniel Serafimescu. „Andere meinten, der Holocaust wäre nicht unser Problem, es habe ihn bei uns ja nicht gegeben. Wiederum andere haben verbreitet, ich sei womöglich ein Agent Israels und hätte versteckte Interessen. Wenn ich mit soviel Pathos und Vehemenz hinter meinem Unterricht stünde, hätte ich wohl andere Interessen als die eines Lehrers, der seine Pflicht tut.“

Serafimescu sprach im Lehrerrat über den Inhalt seines Unterrichtes, er bat die Schuldirektorin und Kollegen, in seinen Kurs zu kommen und ihn zu begutachten. Niemand kam.

Im November letzten Jahres eskalierte der Konflikt. Nach heftigen Diskussionen im Lehrerrat stimmte die Mehrheit dafür, den Kurs abzubrechen, nur einige wenige Kollegen stellten sich hinter Serafimescu. Der bat daraufhin das Kreisschulamt und das Bildungsministerium um Hilfe. Als nichts geschah, wandte er sich an die Jüdische Gemeinde in Bukarest.

Auch das noch: Ein engagierter Lehrer

Der Fall drohte, zu einem größeren politischen Debakel zu werden. Etwas dafür zu tun, dass der Holocaust im Geschichtsunterricht öfter vorkommt – dazu hatte Rumänien sich immerhin freiwillig verpflichtet. Nicht irgendwie. Und nicht im Nebensatz irgendeiner belanglosen Absichtserklärung.

Im Jahr 2003 hatte der damalige Staatspräsident Ion Iliescu eine hochkarätig besetzte Historikerkomission unter Vorsitz von Elie Wiesel berufen. Sie sollte einen Bericht zur Geschichte des Holocaust in Rumänien und zu seiner Wahrnehmung nach 1989 ausarbeiten. Ende 2004 hatte die Komission ihren Bericht in einer feierlichen offiziellen Zeremonie vorgestellt. Eine der Empfehlungen des Berichtes hatte gelautet, der Unterricht zum Thema müsse verbessert werden.

Iliescu, unter dessen Ägide zuvor schon Regierungskoalitionen mit antisemitischen, rumänisch-nationalsozialistischen Parteien amtiert hatten, schmückte sich nun mit der Person und dem Prestige Elie Wiesels, Rumänien heimste viel und großes internationales Lob dafür ein, dass es seine Geschichte in dieser Weise aufzuarbeiten gedachte.

Und nun das: Ein engagierter Lehrer, der aus eigener Initiative im Sinne des Berichtes handelt, daran jedoch gehindert werden soll.

Im Bildungsministerium wollte man kein Debakel. Ende November rückten Vertreter des Ministeriums und des Kreisschulamtes in Topoloveni an. Sie sprachen ein Machtwort mit der Schuldirektorin und ihrem Stellvertreter: Keine Diskussionen mehr! Daniel Serafimescu durfte seinen fakultativen Holocaust-Kurs weiter abhalten, plötzlich herrschte wieder Ruhe an der Grundschule.

Es war eine trügerische Ruhe, das Machtwort von oben sorgte nur für eine Gnadenfrist. Ende Februar, als in der Schule die fakultativen Kurse für das Schuljahr 2008/2009 geplant wurden, stellte Serafimescu im Lehrerrat den schriftlichen Antrag, auch seinen Kurs weiterführen zu dürfen. Ein offenes Nein wagte die Schulleitung nicht mehr. Statt dessen hieß es: Es seien noch viele andere Kurse geplant, möglicherweise seien die Kinder mit dem Holocaust-Kurs zeitlich überfordert. Man werde den Antrag jedoch prüfen. Der landete dann im Papierkorb, wie Serafimescu später erfuhr.

Kein gutes Ende

Wieder wandte er sich an das Kreisschulamt. Er warb bei den Beamten um Unterstützung für sein Projekt, versuchte sie davon zu überzeugen, wie wichtig es sei, den Kindern auch die dunklen Kapitel der Vergangenheit zu zeigen. Die Beamten belächelten den Lehrer. „Sie haben mit wohlwollender Ironie reagiert“, erzählt Serafimescu, „so wie man einem übereifrigen jugendlichen Rebellen begegnet. Sie machten nicht den Eindruck, als würden sie mein Anliegen besonders ernst nehmen.“

Mitte Mai, als Serafimescu bereits sicher war, dass er die Geschichte des Holocaust wohl nicht mehr so bald würde unterrichten dürfen, nahm der Fall erneut eine Wende: Die Schuldirektorin und ihr Stellvertreter wurden überraschend abgesetzt. Die lapidare offizielle Begründung: Die beiden entsprächen nicht mehr den Qualifikationskriterien, es gebe geeignetere Bewerber. Zugleich ernannte das Kreisschulamt Daniel Serafimescu zum stellvertretenden Schulleiter. Kurz darauf diskutierte der Lehrerrat erneut über den Holocaust-Kurs. Das Ergebnis: Daniel Serafimescu erhielt die Erlaubnis, das Thema im nächsten Schuljahr nun doch wieder zu unterrichten.

Es ist kein gutes Ende, findet der Lehrer. Er fühlt sich nicht als Sieger, er kommt sich eher vor wie der unfreiwillige Held einer geschmacklosen Provinzposse. Er hat die Funktion des stellvertretenden Schulleiters, die er nie wirklich angestrebt hat, vorerst nur komissarisch und mit einem unguten Gefühl übernommen, während er über den Schritt des Kreisschulamtes rätselt. „Man scheint zu denken, dass ich all meine Bemühungen nur unternommen habe, um Karriere zu machen und eine Funktion zu erhalten“, sagt er kopfschüttelnd und mit großer Distanz. „Jetzt gibt man mir eine Funktion und meint, nun werde endlich Ruhe herrschen. Dabei wollte ich weder Karriere machen noch Unruhe stiften, sondern nur ein Bewußtsein schaffen.“

Serafimescu zögert keinen Augenblick, als er die Frage beantwortet, ob der Konflikt um seinen Unterricht erneut offen ausbrechen könnte. Er sagt: „Jederzeit.“

„Wir haben ihn unterstützt. Im Stillen“

Es ist zumindest ein Thema, über das immer noch kaum jemand im Ort offen reden möchte. Die abgesetzte Schuldirektorin, Maria Chivulescu, 45, gerät in peinliches Stottern. „Ich habe Herrn Serafimescu immer unterstützt“, sagt sie errötend, „mal direkt, meistens mehr im Stillen.“

Ähnlich gewunden reagieren manche Eltern. Eine Notarin findet es zwar gut, dass ihr Sohn an Serafimescus Kurs teilnimmt, möchte das jedoch „nicht öffentlich sagen“ und auch sonst keine Stellung nehmen. Sie will „keine Schwierigkeiten, nicht in meiner Position“.

Eine andere Mutter, sie ist Verkäuferin in einem Haushaltswarengeschäft, sagt, sie sei dafür, dass ihre Tochter gut lerne. Vom Holocaust hat sie wenig gehört, sie zuckt die Schultern. Ihr Mann steht verärgert neben ihr. „Welcher Holocaust?!“, ruft er. „Ich erfahre jetzt zum ersten Mal, dass meine Tochter in so einen Kurs geht!“ Weiß er irgendetwas über den Holocaust? Er verneint, dann sagt er wütend. „Es wäre gut, wenn Antonescu und Hitler noch leben würden, dann hätten sie das mit den Zigeunern zuende gebracht.“

„Die Geschichte kann sich wiederholen“, sagt die 14jährige Teodora, „wir müssen aus ihr lernen, und wir sollten nicht Rassisten sein.“ Es klingt nicht schematisch, sondern sehr aufrichtig, wenn das blonde Mädchen mit den grünen Augen spricht. Teodora geht in die achte Klasse, Serafimescus Kurs war eigentlich nicht für ihre Stufe gedacht, aber sie kommt trotzdem. „Mir war das Thema neu, es hat mich in gewisser Weise angezogen“, sagt sie, „und so haben meine Eltern gesagt, ich solle den Kurs besuchen.“

So wie Teodora wirken auch manche andere Schüler, die in Daniel Serafimescus Unterricht sitzen: als hätten sie die Dimension des Verbrechens begriffen, als hätten sie sich ernsthaft Gedanken gemacht. „Ich hatte das Wort Holocaust schon als Kind gehört, wusste aber nicht, was es bedeutete“, erzählt die 13jährige Mihaela, ein schwarzhaariges, schüchternes Mädchen. „In meiner Familie gab es niemanden, der mir dazu etwas sagen konnte. Jetzt habe ich erfahren, zu welchen Taten Leute wie Hitler imstande waren, und es hat mich schockiert. Ich denke, es ist wichtig, Menschen nicht danach zu beurteilen, welche Hautfarbe sie haben, wie sie sich anziehen oder wo sie leben.“