Gegeneinander – Nebeneinander – Miteinander. Über das Leben in einer wirklich multikulturellen Stadt

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I.

Wenn mein ungarischer Bekannter aus Klausenburg einkaufen geht, dann spricht er manche Verkäuferinnen rumänisch an, manche auch in seiner ungarischen Muttersprache. Das habe ich schon einige Male beobachtet. Eines Tages frage ich ihn: „Kennst du die Verkäuferinnen?“ „Nein“, antwortet er erstaunt, „wieso?“ –  „Naja, woher weißt du dann, welche von den Frauen ungarisch sprechen?“ Er schaut mich verwundert an. „Das sieht man doch, wer Rumäne ist und wer Ungar“, sagt er. Ich bin beeindruckt und sprachlos. Ich habe überhaupt keinen ethnischen Unterschied in den Gesichtern der Verkäuferinnen gesehen. Es liegt gewiss daran, dass ich noch völlig neu hier bin, dass ich erst ein paar Mal in der Stadt gewesen bin. Vielleicht, denke ich, wird es mir mit der Zeit auch gelingen, zu sehen, wer welcher Nationalität angehört. Das ist jedoch ein Irrtum. Ein paar Mal passiert es mir im Laufe der Jahre, dass ich Leute ungarisch anspreche, die eigentlich Rumänen sind, und sie sind überhaupt nicht begeistert davon. Schließlich, nach vielen Jahren, muss ich einsehen, dass ich mit dem Vorhaben, einen ethnischen Blick zu entwickeln, gescheitert bin. Ich kann höchstens Zigeuner erkennen, und auch nur dann, wenn die Frauen bunte Röcke und die Männer schwarze Hüte tragen. Oder einen rumänischen Hirten mit seinem zylinderförmigen Hut und seinem Schafsfellmantel. Oder einen Ungarn mit einem Räuberschnauzbart. Mit anderen Worten, ich erkenne höchstens Klischees.

II.

Ich lernte meinen Bekannten und seine Frau bei meinem ersten Besuch in Klausenburg kennen, gegen Ende des Jahres 1991. Sie waren ein junges ungarisches Ehepaar und wohnten damals in der Karl-Marx-Straße. Fünf Jahre später, zu Beginn des Jahres 1996, beschlossen Gheorghe Funar und seine Leute, die Karl-Marx-Straße in Decebal-Straße umzubenennen. Und das, obwohl Karl Marx lange nach seinem Tod eine sehr nützliche Rolle für den rumänischen Nationalismus gespielt hatte. Marx war eigentlich kein Freund kleiner unabhängiger Nationalstaaten in Südosteuropa und auf dem Balkan gewesen. Aber noch viel schlimmer fand er den Imperialismus des zaristischen Russland, jedenfalls wenn es um das langfristige Ziel der Verwirklichung des Kommunismus in Europa ging. Zum Beispiel hatte Marx den Einmarsch zaristischer Truppen in die Moldau und die Walachei 1848 als „Vergewaltigung der Rechte der Moldau und der Walachei“ und das Regime der russischen Soldaten als „Schreckensherrschaft“ bezeichnet. Knapp 120 Jahre später wurde Marx mit solchen und anderen Bemerkungen zu einem der wichtigsten Kronzeugen des rumänischen Nationalstalinismus. 1964, in dem Jahr als die rumänischen Kommunisten zum ersten Mal eine große, öffentliche antisowjetische Kampagne entfachten, erschien auch der legendäre Sammelband „Marx über die Rumänen“ (Marx despre români). Darin waren alle antirussischen und pro-rumänischen Bemerkungen von Marx gesammelt. Wahrscheinlich hatten Funar und seine Leute keinen blassen Dunst davon, wie sehr der arme, alte Marx sich um Rumänien verdient gemacht hatte. Marx war für sie einfach nur ein Ausländer und, schlimmer noch, ein Jude. Als sie die Karl-Marx-Straße in Decebal-Straße umbenannten, gab es allerdings schon eine Decebal-Straße in Klausenburg. Daher wurde die Decebal-Straße in Burebista-Straße umbenannt. Vielleicht werde ich eines Tages erfahren, warum man die Karl-Marx-Straße nicht einfach direkt in Burebista-Straße umbenennen konnte.

III.

In dem Hof in der Karl-Marx-Decebal-Straße, wo meine ungarischen Bekannten wohnten, lernte ich auch ihren Nachbarn kennen, Onkel Ivascu, einen ehemaligen Philologielehrer. Onkel Ivascu war damals schon über achtzig Jahre alt. Er konnte nur noch schlecht laufen, seine Hände zitterten, aber er sprach immer noch perfekt drei Sprachen – er sprach Rumänisch, seine Muttersprache, er sprach Ungarisch, und er sprach deutsch mit wienerischem Akzent. Er sprach alle drei Sprachen sehr gern. Aber nicht nur das: Er wollte auch immer unbedingt die Muttersprache des anderen sprechen, darin war er absolut hartnäckig. Er erklärte mir, dass es eine Tradition in Klausenburg und in Siebenbürgen überhaupt gebe: Wenn sich die alteingesessenen rumänischen, ungarischen und deutschen Nachbarn treffen, dann will der Rumäne unbedingt ungarisch und deutsch, der Ungar unbedingt deutsch und rumänisch und der Deutsche unbedingt Rumänisch und Ungarisch sprechen. Von Anfang an hatte mich Onkel Ivascu sehr beeindruckt mit seiner perfekten Dreisprachigkeit. Er hatte mich so sehr beeindruckt, dass ich mir vornahm, Ungarisch und Rumänisch zu lernen.

Nachdem ich Onkel Ivascu kennengelernt hatte, erfuhr ich bald, dass er mit seiner Dreisprachigkeit keine Ausnahme, sondern ein typischer alter Klausenburger Intellektueller war. Viel später, als ich bereits Ungarisch und Rumänisch sprach, fiel mir auf, was für ein schönes altes Ungarisch er sprach und was für ein distinguiertes Rumänisch mit leichtem Siebenbürger Akzent.

Onkel Ivascu war also schon weit über achtzig, da küsste er Frauen noch immer gern die Hand und schmeichelte ihnen. Wenn er nachmittags in der Sonne auf der Bank vor seiner Haustür saß und ein Besucher in den Hof kam, winkte er mit der Hand und rief: „Wie gehts, wie stehts?“ Er schwärmte von seiner Studienzeit in Wien und erzählte gern von der Universität, an der er Philologie gelehrt hatte. Von Besuchern wie mir wollte er immer wissen, was es Neues in der Welt gab. Es kam vor, dass ich mich mit Onkel Ivascu unterhielt und sich plötzlich noch ein ungarischer Nachbar hinzugesellte. Onkel Ivascu sprach dann ungarisch, während der ungarische Nachbar versuchte, rumänisch zu sprechen, sich aber nicht durchsetzen konnte. Onkel Ivascu übersetze mir das Gespräch immer ins Deutsche, sogar noch als ich schon ungarisch verstand und sogar als er schon wusste, dass ich ungarisch verstand. Er übersetzte das Gespräch und sagte dann: „Aber Sie verstehen das ja sowieso alles, nicht wahr?!“ Onkel Ivascu ist jetzt schon seit einigen Jahren tot. Leute wie er werden immer seltener in der Stadt.

IV.

Ende März 1992. Es ist gerade ein paar Wochen her, dass Funar gewählt worden ist. Er hat begonnen, in die Tat umzusetzen, was er angekündigt hatte. Er hat seinen Kampf gegen die zweisprachigen Inschriften begonnen. Als erstes ist das Szent-Mihály-Geschäft an der Reihe. Über dem Geschäft steht „Magazinul Szent Mihály Áruház“. Funar fordert die Besitzer auf, das Schild auszuwechseln und den Namen Áruház zu entfernen. Ich spreche mit Politikern und Journalisten in der Stadt, um einen Artikel über Funar zu schreiben. Ich gehe zu Paul-Jürgen Porr, dem Klausenburger Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien. Er ist einer von nur noch wenigen hundert Sachsen, die in der Stadt leben. Porr sagt, ja, Funar sei ein Nationalist, aber auch die Ungarn hätten ihre Nationalisten. Funars Aktionen seien Teil eines Konfliktes zwischen rumänischen und ungarischen Politikern. Zwischen den Menschen auf der Straße gebe es keine solchen Konflikte, Funar wolle sie mit seinen Aktionen aufhetzen. Aber es sei unklug von den Ungarn, sich provozieren zu lassen. Porr möchte keine allzu scharfe Erklärungen abgeben, er will die Deutschen möglichst heraushalten aus dem Konflikt und will selbst nicht zwischen die Fronten geraten. Es dauert noch eine Zeit, dann sind auch die Deutschen an der Reihe. Funar fordert auch das Deutsche Forum auf, seine zweisprachigen Schilder zu entfernen, später, im Sommer 1994 wird in die Büroräume des Forums eingebrochen, die Statue von Hermann Oberth wird beschmiert, das Schild des Forums wird abgerissen.

Ich spreche auch mit Liviu Man, einem stadtbekannten rumänischen Journalisten. Wie Porr sagt auch Liviu Man, Extremisten gebe es auf beiden Seiten, bei den Rumänen wie bei den Ungarn. Ohne solche extremistischen Politiker, sagt Man, würden die Leute in Klausenburg und in Siebenbürgen ganz friedlich zusammenleben. Diesen Satz werde ich im Laufe der Jahre noch viele Male hören, von vielen Leuten. Anfangs glaube ich den Satz. Bald werde ich skeptischer. Schließlich, nach einigen Jahren, finde ich den Satz eine Lüge. Ich kann nicht genau begründen, warum, es ist ein vages, aber unerschütterliches Gefühl. Die Leute, die sagen, dass nur die extremistischen Politiker das friedliche Zusammenleben stören, sagen auch meistens Sätze nach dem „Nicht-Aber-Muster“. Zum Beispiel: „Ich habe nichts gegen X, Y, aber…“ – „Ich bin kein Anti-X-Y, aber…“ Usw. usf. Liviu Man sagt während unseres Gespräches noch, im Grunde sei Funar verrückt und psychisch krank. Es klingt ein wenig, als müsse man Funar nicht so ernst nehmen. Es werde nicht lange dauern, sagt Liviu Man, bis er als Bürgermeister abgewirtschaftet habe. Er ist absolut überzeugt von seiner Prophezeiung.

V.

Ein Wochenende im Frühsommer 1994. Mit einer befreundeten ungarischen Familie mache ich einen Ausflug ins Grüne, in die Umgebung von Klausenburg. In einem Dorf zwischen Hügel setzen wir uns auf eine Wiese und machen ein Picknick. Wir kommen mit einer alten rumänischen Bäuerin ins Gespräch. Sie möchte mit dem kleinen Jungen der beiden Eltern sprechen, er ist zweieinhalb Jahre alt. Er versteht noch kein Rumänisch. Er kann noch nicht einmal einen vollständigen Satz in seiner ungarischen Muttersprache sagen. Die Bäuerin ist freundlich zu ihm, aber er schaut sie nur misstrauisch an, so wie er momentan alle Fremden eher misstrauisch anschaut. Die Bäuerin wundert sich: „Was, er spricht er noch kein Rumänisch?!“ Sie fragt es mit vorwurfswoller Stimme. „Nein“, sagt die Mutter des Jungen lächelnd, „er muss ja erst einmal seine eigene Sprache lernen.“ Die alte Frau schweigt. Sie sieht aus, als ob sie das nicht versteht. Ihre Gesichtszüge bekommen plötzlich etwas Hartes. Die Mutter schweigt auch. Dann geht die alte Frau ihres Wegs.

VI.

Silvester 1994. Ich bin bei einem ungarischen Paar zur Neujahrsfeier eingeladen. Die Frau kommt aus dem Szeklerland, ihr Freund ist ein Ungar aus Budapest, der über dreißig Jahre lang in Schweden gelebt hat und nun nach Ungarn zurückgekehrt ist. Es sind nur Ungarn auf der Feier. Abgesehen von mir natürlich. So wie auf den meisten Feiern und Partys. So wie auch die Rumänen und die Sachsen meistens unter sich bleiben. Vielleicht ist das normal. Habe ich jemals meine türkischen Nachbarn zu mir eingeladen? Nein. Um ein Uhr nachts schaltet der ungarische Ungar aus Schweden das Budapester Kossuth-Radio ein, um die ungarische Nationalhymne zu hören. Alle stehen auf und falten die Hände und beginnen mitzusingen. Da ich wahrscheinlich ein ziemlich typischer Deutscher bin, fängt in meinem Kopf die Prinzipienmühle an zu mahlen. Soll ich auch aufstehen? Aber ich bin ja kein Ungar! Anderseits wäre es höflich und respektvoll, mit aufzustehen. Soll ich die Hände falten? Wo ich doch Atheist bin! Mitsingen kommt sowieso nicht in Frage, ich kenne ja den Text der Hymne nicht. Während ich noch über das Verhältnis von Prinzipien und Höflichkeit nachdenke, bedeutet mir der schwedische Ungar freundlich, aber streng aufzustehen. Vielleicht wäre ich aufgestanden, hätte er das nicht getan, aber jetzt bleibe ich erst recht sitzen. Ich habe schon immer sehr trotzig reagiert, meistens war es zu meinem Nachteil. Niemand sagt etwas, aber der schwedische Ungar erklärt mir später am Neujahrsmorgen den Text der ungarischen Nationalhymne. Ich finde ihn ziemlich blutig und gewalttätig, dann führe ich mit dem schwedischen Ungarn eine Diskussion über Nationalismus. Einige Jahre später werde ich erfahren, dass die ungarische Nationalhymne eigentlich ein altes religiöses Lied ist. Einmal höre ich eine sinfonische Vertonung des Liedes, und da fällt mir plötzlich auf, dass es ein sehr schöne, traurige Melodie ist. Und es ist eine so langsame Melodie, dass zu ihr unmöglich Soldaten marschieren können. Das unterscheidet sie von allen anderen Nationalhymnen die ich kenne.

VII.

Ende 1994, Anfang 1995. Funar hat ein altes Gesetz aus der Ceausescu-Zeit entdeckt. Das regelt, wieviel Wohnraum einer Person zusteht. Das Gesetz wird schon längst nicht mehr angewendet, aber Funar will es nutzen, um Ungarn aus ihren Wohnungen zu herauszuekeln, in dem er ihnen Zwangsuntermieter in die Wohnung schickt, wenn sie überschüssige Zimmer haben. In einer Klausenburger Zeitung erscheinen Listen mit Namen, von Leuten, die zuviel Wohnraum besitzen. Es sind mehr als 200 Leute, fast nur Ungarn und fast nur Alte.

Im Februar 1995 besuche ich einige der Leute, die auf Funars Liste stehen, ich will einen Artikel über die Geschichte schreiben.

Da ist zum Beispiel das Ehepaar M. Die beiden Leute sind über siebzig, sie sind beide sehr krank, und beide weinen fast die ganze Zeit während des Gesprächs. András und Márta M. leben in einer ärmlich eingerichteten Wohnung, sie haben drei Zimmer. Das winzige überschüssige Zimmer, in das sie einen Zwangsuntermieter bekommen sollen, hat keinen Separateingang, und wenn der Untermieter ins Bad will, muss er durch das Schlafzimmer der beiden Alten gehen. András M. hat schweres Asthma, seine Lungen sind von Säuren zerfressen, er war früher Chemieingenieur. Ohne Cortison-Spritzen würde er nicht lange überleben. Seine Frau Márta hat Krebs, sie kann kaum mehr richtig laufen.

András M. hat eine unglückliche Familiengeschichte. Sein Vater wurde nach kurz dem Krieg erschossen, weil er ein Bourgeois war, das Haus der Familie wurde enteignet. 1977 hat er mit seiner Frau ein Haus gebaut, dass zehn Jahre später wegen Systematisierungsmaßnahmen abgerissen wurde, seitdem wohnt er mit seiner Frau in diesen drei Zimmern.

Ein Untermieter ist für die beiden Alten unvorstellbar. Sie würden schon jetzt am liebsten ausziehen. Aber sie wissen nicht wohin. Sie hoffen darauf, daß ihnen im Falle des Falles ein Gericht wegen ihrer Krankheiten das Recht auf ein Zusatzzimmer zuspricht. Die beiden Alten sitzen da, sie wissen nicht, was sie machen sollen. Sie weinen.

Ein anderes altes Ehepaar, die B.s. János B. ist 65 und herzkrank, Mária B. ist 58 und hat Parkinson. Auch sie haben ein überschüssiges Zimmer, weil ihr Sohn aus Rumänien ausgewandert und die Tochter von zuhause ausgezogen ist. Die beiden fragen sich: „Fängt jetzt alles wieder an wie damals?“. Damals, im Dezember 1955 enteignete der rumänische Staat die drei Häuser ihrer Familien, sie wurden vor einer provisorischen Behausung abgeladen wie Schutt. Zwei Jahre später bekamen die B.s die Wohnung zugewiesen, in der sie bis heute wohnen. Nun stehen auch sie auf Funars Liste. Die Ironie der Geschichte ist: in einem der 1955 enteigneten Häuser der Eheleute B. residiert jetzt die Klausenburger Wohnungsbehörde. Die Behörde hat bereits Mitarbeiter zu dem Ehepaar geschickt, um dessen jetzige Wohnung zu vermessen und die mögliche Anzahl der Zwangsuntermieter zu bestimmen.

„Wir sind so verbittert“, ruft Mária B. aus. Es freut sie, daß ihr Sohn aus Rumänien ausgewandert ist. „So hat er wenigstens all die Probleme nicht mehr“, sagt sie. Herr B. hofft nicht mehr auf eine Entschädigung für die 1955 enteigneten Häuser. Er will mit seiner Frau nur in der Wohnung bleiben, in der er jetzt wohnt, und zwar nur mit ihr allein. „Wenn sie uns einen Untermieter reinsetzen“, sagt er, „dann bringe ich mich um.“

VIII.

Ein paar Tage, nachdem ich die alten Leute getroffen habe, die auf Funars Liste stehen, gehe ich zur Sitzung des Stadtrates. Eigentlich duldet Funar keine Journalisten im Stadtrat, aber der Stadtratsabgeordnete Péter Eckstein-Kovács schleust mich als seinen persönlichen Gast in den Sitzungssaal.

Funar sitzt steif auf seinem Stuhl, so als habe er ein Brett im Rücken. Während er redet, zwingt er sich zu einem selbstsicheren, leicht überheblichen Lächeln. Wenn andere reden, gleitet das selbstsichere Lächeln schnell in einen Ausdruck des Angewidertseins ab. Er krallt seine Hände ineinander, so als befürchte er, dass ihm die Kontrolle über die Bewegungen seiner Arme abhanden kommt. Unter dem Tisch zuckt er unentwegt mit den Beinen. Mit seinem stechenden Blick scheint er die Anwesenden mal durchbohren zu wollen, mal wandern seine Augen unruhig umher. Der Mann wirkt halb fanatisch, halb hypernervös und, ja, irgendwie wirklich sehr krank. Man muss ihn deshalb umso ernster nehmen.

Auf der Stadtratssitzung geht es darum, dass Funars die illegale Bebauung eines Grundstückes nachträglich legalisieren lassen möchte. Es ist ein Grundstück, auf dem der holländische Speditionsunternehmer Erich van Wyk seine Filiale hat, und van Wyk ist ein Geschäftsfreund von Funar. So akribisch Funar ansonsten gegen jeden noch so kleinen Rechtsbruch eines Ungarn kämpfen würde, so großzügig jongliert er nun mit den Paragraphen. Die ungarischen Abgeordneten erheben Einspruch gegen ein solches Rechtsbewußtsein. Funars Parteileute bestreiten zwar nicht, dass die Bebauung des Geländes ursprünglich illegal war, aber sie diente ja, so argumentieren sie, dem Wohl der Rumänen in der Stadt. Deshalb werfen sie den ungarischen Abgeordneten „Antirumänismus“ vor. Die Debatte zieht sich Stunde um Stunde hin. Einer von Funars Leuten, ein bärtiger, beleibter Mittfünfziger, redet sich in Rage, schließlich kann er sich nicht mehr beherrschen und schreit: „Ihr werft immer nur Sand ins Getriebe, das ist euer Ziel!“ Um diesem Vorwurf zu entgehen, enthalten sich die Ungarn bei der Abstimmung. Nur Péter Eckstein-Kovács stimmt gegen das Vorhaben, die Grundstücksbebauung nachträglich legalisieren zu lassen. Funar sieht ihn mit zusammengepreßten Lippen und stechenden Blick an.

Nach der Sitzung steuere ich auf Funar zu. Eigentlich möchte er nicht mit mir reden, aber er traut sich nicht, direkt Nein zu sagen. Ich frage ihn, warum er im Fall van Wyk so großzügig verfährt, während er im Falle der Wohnungslisten darauf pocht, dass ein Gesetz eingehalten wird, welches nicht einmal mehr in den letzten Jahren der Ceausescu-Diktatur konsequent angewandt wurde. Funar ist wütend über die Frage, man sieht es, aber er beherrscht sich. Er schaut mir nicht in die Augen, als er antwortet. Im Zentrum von Klausenburg, beschwert er sich, „wohnen fast ausnahmslos Ungarn“. Die rumänischen Kommunisten, die alle Ungarn gewesen seien, sagt er – denn dem rumänischen Volk sei der Kommunismus fremd, der Kommunismus sei nur importiert worden -, also die ungarischen Kommunisten hätten während der Diktatur „das Zentrum der Stadt besetzt“. Die Rumänen, sagt Funar, hätten nicht ins Zentrum ziehen dürfen, sondern hätten am Stadtrand bleiben müssen. Um diese historische Ungerechtigkeit auszugleichen, würden den Betroffenen nun gerichtlich Untermieter zugewiesen werden.

IX.

Das Haus meiner ungarischen Freunde in der Karl-Marx-Decebal-Straße ist ein Haus voller Bücher und Computer. Nicht nur Ungarn, sondern auch Rumänen und Zigeuner und überhaupt viele Leute aus vielen Ländern gehen ein und aus. Onkel Ivascu ist seit einigen Jahren tot. In seinem Haus wohnt jetzt eine entfernte Verwandte, eine ältere Frau, am Wochenende kommt meistens auch ihr Sohn mit seiner Familie. Sie sind einfache Leute, sie haben keine Bücher und keine Computer, sie sprechen keine drei Sprachen, sie sprechen nur rumänisch, und an Wochenenden schraubt der Sohn meistens an seinem alten Auto, während seine Frau und seine Mutter kochen und putzen. Es sind zwei Welten. Und manchmal stoßen sie zusammen.

Einmal, zweimal im Jahr schlachten die Verwandten von Onkel Ivascu in dem kleinen Hof unter freiem Himmel ein Schwein. Das Schwein schreit jedesmal erbärmlich. Wenn es endlich tot ist, nimmt der Sohn der älteren Frau einen Bunsenbrenner und brennt die Haare ab. Er hat versucht, seine ungarischen Nachbarn zum Schweineessen einzuladen. Er hat gesagt, das Herz eines Rumänen ist groß und gastfreundlich. Die Nachbarn haben höflich abgelehnt. Sie mögen es nicht, wenn im Hof Schweine geschlachtet werden, aber sie schweigen.

Manchmal läßt die ältere Frau den Hund im Hof frei herumlaufen. Der Hund verbringt seine Tage ansonsten an einer kurzen Kette in einem kleinen Verschlag. Er bellt und jault die meiste Zeit des Tages, und wenn er endlich von der Kette loskommt, dann rennt er umher wie angestochen. Einmal hat er den kleinen Sohn der Nachbarn angeknurrt. Der Vater ist zu der Frau gegangen und hat sie gebeten, den Hund nicht mehr frei herumlaufen zu lassen und ihn am besten vom Hof wegzubringen, weil er den ganzen Tag bellt und jault. Die Frau ist wütend geworden, und sie hat gesagt, was sie vielleicht schon lange einmal sagen wollte: „Ihr bildet euch ein, ihr seid hier die Herren, aber die Stadt gehört uns, uns Rumänen! Warte nur ab, Funar wird es dir schon zeigen!“

X.

Sommer 2000. Ich begleite Mitarbeiter einer deutschen Stiftung durch Siebenbürgen. Die Stiftung hat an verschiedenen Orten Projekte finanziert, jetzt wollen sich die Mitarbeiter ihre Projekte anschauen und dabei auch Siebenbürgen ein wenig kennenlernen.

Wir stehen auf dem Platz der Einheit. Sieben Jahre sind seit den Ausgrabungen auf dem Platz vergangenen. Jetzt sind die Gruben mit Blechplatten eingezäunt und dienen als überdimensionale Papierkörbe. Junge Leute sitzen auf dem Sockel des Mathias-Corvinus-Denkmals und hören Techno-Musik, Halbstarke küssen ihre Freundinnen. Die Bänke sind in den rumänischen Nationalfarben blau-gelb-rot gestrichen. Funar hat gesagt, diese Farbkombination sei erwiesenermaßen die, die am besten beruhigt.

Manchmal begründet Funar seine nationalistischen Aktionen ganz offen. So wie bei den Wohnungslisten, auf denen die Ungarn standen. Es ist der Sozialneid und der Minderwertigkeitskomplex. Manchmal begründet er seine Aktionen aber auch auf merkwürdige, geradezu bizarre Weise. Wie bei den Parkbänken in den Nationalfarben. Warum muss er so einen Unsinn erfinden wie den, dass sie beruhigend wirken? Wäre es ansonsten eine Schande, Parkbänke in bestimmten Nationalfarben zu streichen? Schämt er sich dafür? Oder ist es bloß ein Humor, den ich nicht verstehe?

Die Mitarbeiter der deutschen Stiftung sind neugierig, ich versuche, ihnen alles zu erklären. Wie Funar Bürgermeister wurde, seinen Kampf gegen die zweisprachigen Inschriften, gegen Gedenktafeln, gegen Statuen, die Aufstellung neuer Denkmäler und neuer Gedenktafeln, seinen ganzen absurden, hysterischen Kampf um die Geschichte. Ich erzähle, wie Funar den ungarisch-rumänischen Freundschaftsvertrag 1996 symbolisch zu Grabe tragen ließ, dass er einen Bevölkerungsaustausch der jeweiligen Minderheiten Ungarns und Rumäniens vorgeschlagen hat und wie er darum prozessiert, dass das ungarische Generalkonsulat in der Stadt keine ungarische Flagge aushängen darf. Ich erzähle den Deutschen die Geschichte des Mátyás-Corvin-Mathias-Corvinus-Mathias-Rex-Matei-Corvin-Denkmals und die Geschichte der Ausgrabungen. Als ich endlich fertig bin, blicke ich in sprachlose, überforderte und schweigende Gesichter. Ich komme mir vor wie ein Astrophysiker, der Laien etwas von gekrümmter Raumzeit und von schwarzen Löchern erzählt. Die Deutschen schauen sich schweigend um. Sie stehen in einer Stadt voller rumänischer Flaggen und Nationalfarben. Parkbänke, Werbetafeln und Lichterketten in blau-gelb-rot. Eine Stadt wie ein großer, etwas eintöniger Jahrmarkt. Einer aus der Gruppe sagt schließlich: „Aber man könnte doch zum Beispiel die Straßen reparieren.“ Er fragt das ganz ehrlich und aufrichtig. Ich habe versucht alles zu erklären, jetzt bin ich müde und sage einfach: „Ja.“

XI.

April, 2002. Ich sitze im Büro des Klausenburger Ungarn-Verbandes in der Pavlov-Straße. Hier können die Leute aus Klausenburg herkommen, um einen Status-Ausweis zu beantragen.

Es ist sehr voll an diesem Tag. Die meisten, die kommen, um einen Ausweis zu beantragen, sind ältere Leute. Einige flüstern nur, andere zögern sich hinzusetzen, manche tragen altmodische, abgewetzte Mäntel, sie erinnern an die Leute auf Bildern von Vertriebenen oder von displaced persons nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie haben alte Geburtsurkunden dabei und Akten, darauf sind noch Stempel und Siegel des ungarischen Königreiches. So beweisen die Leute ihre ungarische Abstammung. Die Alten erzählen den Sachbearbeiterinnen Geschichten darüber, wie sie keinen Fuß aus dem Dorf setzen mußten, um plötzlich in einem neuen Land aufzuwachen, wie sie die ersten Kinderjahre in Ungarn erlebten, wie Siebenbürgen zu Rumänien kam, dann wieder zu Ungarn, dann wieder zu Rumänien, und hinter wievielen Grenzen am Ende die Verwandschaft zerstreut war.

Es ist das kleine Elend der Geschichte. Die Sachbearbeiter haben überhaupt keine Zeit, sich dieses ganze kleine Elend anzuhören. Sie verwalten es. Und während sie es verwalten, essen sie schnell ihre mitgebrachten Brote.

E., eine junge Frau, 28 Jahre, ist eine der Sachbearbeiterinnen. Sie sitzt in diesem nackten Büro, an einem nackten Schreibtisch, jeden Tag von acht bis zwölf, sechs Tage in der Woche, Montag und Donnerstag auch bis abends. Sie ist eine junge, zierliche Frau und empfängt sehr höflich die Antragsteller, die zu ihr kommen.

Der Schlosser István Kovács und seine Frau Erzsébet, die Frührentnerin ist, haben für ihren Antrag auf einen Status-Ausweis einen Auszug aus dem Register der ungarisch-reformierten Kirche mitgebracht. Sie sitzen ein wenig verunsichert da und füllen die Formulare aus mit den 21 Zeilen für all die doppelten Namen. István Kovács heißt wahlweise Stefan Covaci, weil das so in seinem rumänischen Ausweis steht, und Erzsébet heißt Elisabeta, und die Tochter Gyöngyvér schreibt einfach nur beide Male Gyöngyvér Kovács, und nicht Lacramioara Covaci, weil die rumänische Polizei die Vornamen nicht mehr zwangsübersetzt und weil in Gyöngyvérs Ausweis also auch Gyöngyvér Kovács steht.

Die Sachbearbeiterin E. überfliegt den Kirchenbeleg, die Formulare, dann fragt sie, wo genau da drüben, also wo genau in Ungarn, die Familie ihren Status-Ausweis abholen wird, und Erzsébet Kovács sagt, Debrecen, das sei das kürzeste und billigste von hier aus.

E. ist ermüdet von der Bürokratie da drüben. Oft, sagt sie, schicken „die Ungarn“ – ja, sie sagt, „die Ungarn“ – oft schicken „die Ungarn“ die Anträge zum Neuausfüllen zurück, weil die Namen angeblich falsch übersetzt seien, oder weil die alten Ungarinnen auf den Paßbildern Kopftücher tragen, was in Ungarn nicht erlaubt ist. Wenn schon Hilfe für Minderheiten, dann vielleicht mit mehr Rücksicht auf die Traditionen und die kulturellen Unterschiede, sagt E. Und nicht von oben herab. Zu Anfang, sagt sie, hat sie einmal über dem Stapel der zurückgewiesenen Anträge angefangen zu weinen. Nun ist sie es gewohnt.

E. kommt aus dem Szeklerland. Sie hat in Klausenburg ungarische Literatur und Ethnographie studiert. Sie erinnert sich daran, daß es im Szeklerland in den siebziger Jahren in Mode kam, dass ungarische Eltern ihren Kindern Namen gaben, die in offiziellen Dokumenten nicht zwangsrumänisiert werden konnten, und daß sie eben deshalb auch ihren Vornamen trägt. Sie hat keine wirklich schlechten Erlebnisse gehabt mit Rumänen, aber sie fühlt sich trotzdem nicht wohl in diesem Land. Eines Tages vielleicht, wenn Ungarn die Einbürgerung erleichtert, wird sie auswandern. Vorläufig will sie mit dem Status-Ausweis die neunzigprozentige Ermäßigung bei Zugfahrkarten innerhalb Ungarns in Anspruch nehmen.

Davon, zu was ein Status-Ausweis gesetzlich berechtigt, haben die meisten Leute, die im Klausenburger RMDSZ-Büro einen Antrag stellen, wenig Ahnung. Sie wissen nichts von den neuen Ausführungsbedingungen des Gesetzes und dass sie dadurch keine Arbeitsgenehmigung mehr in Anspruch nehmen können. Vielleicht wird es durch den Ausweis in Rumänien besser, sagt eine Reinemachefrau aus der Ursus-Bierbrauerei, vielleicht wird Europa nun auf uns aufmerksam.

Die meisten Leute möchten einfach nur ermäßigt zu ihren Verwandten reisen, und über viel mehr möchte kaum jemand reden. Keine Namen, keine Einzelheiten. Die Angst ist so groß wie unbegründet. Manche Alten fürchten, ihren Rentenanspruch in Rumänien zu verlieren, wenn herauskommt, daß sie den Status-Ausweis beantragen. Ein junger Mann, der mit seinen Geschwistern und seiner Familie da ist, sagt, keine Auskunft, nicht jetzt, vielleicht reden wir irgendwann einmal, irgendwann in einer besseren Zukunft.

Die rumänische Fahne draußen am Gebäude ist schmutzig und verblaßt. Vor dem Gebäude schlendern schwarz gekleidete Wächter auf und ab, weil der Funar verkündet hat, wer den Status-Ausweis beantrage, werde aus der Stadt geworfen, und weil seine Anhänger gedroht haben, das RMDSZ-Büro zu belagern und die Scheiben einzuschlagen.

István und Erzsébet Kovács haben keine Angst zu reden. Die beiden Eheleute, 53 und 46 Jahre alt, wohnen mit ihrer Tochter Gyöngyvér in einem alten, heruntergekommenen Wohnblock im Stalin-Barock, in zwei dunklen, engen Zimmern. István Kovács erzählt davon, daß er froh ist, in der Werkstatt des städtischen Krankenhauses noch als Handwerker arbeiten zu dürfen, trotz seiner Nierenprobleme. Erzsébet Kovács, die früher Näherin war und wegen ihrer Herzkrankheit vor Jahren frühverrentet wurde, sagt, dank des Status-Ausweises und der Fahrtvergünstigung könne sie vielleicht ihre Schwester in Westungarn öfter besuchen. Ansonsten gebe es keine Probleme zwischen Ungarn und Rumänen. Ja, sie sind überzeugt davon, dass es keine Probleme gibt. Und sie haben sich noch nie gefragt, ob es normal ist, dass jemand eine ganze Stadt in den Nationalfarben anstreicht.

Die fünfzehnjährige Tochter Gyöngyvér geht auf eine ungarischsprachige Schule. In ihrem Zimmer hängen Bilder von westlichen Schlagersternchen. Sie ist ein mageres, zerbrechlich wirkendes Mädchen. Vielleicht, sagt sie leise, hätte sie mit dem Status-Ausweis eine Möglichkeit, drüben zu studieren. Ihre Mutter Erzsébet ringt die Hände, es bräche ihr das Herz, ihr Kind weggehen zu sehen. Gyöngyvér lächelt und widerspricht nicht, sondern schwärmt von Budapest. Es klingt nicht, als wenn sie von Ungarn schwärmt, sondern einfach von einer schönen Stadt.

XII.

Klausenburg im Frühjahr 2005. Die Epoche Funar ist zuende, jedenfalls auf den ersten Blick. Klausenburg sieht nicht mehr aus wie ein riesiger, eintöniger blau-gelb-roter Jahrmarkt. Man kann durch diese Stadt gehen, ohne sich als feindlicher Eindringling zu fühlen, man kann sich irgendwie normal fühlen. Aber ist jetzt wirklich alles normal, jetzt, wo der extremistische Politiker weg ist, der das friedliche Zusammenleben der Menschen gestört hat? Jedenfalls scheint es eine fragile Normalität zu sein. Auf den zweiten Blick nämlich ist Klausenburg eine Stadt der Unentschiedenheit, eine Stadt der Inkonsequenz, oder zumindest ist ihr neuer Bürgermeister unentschieden und inkonsequent.

Wenn man von Westen kommt, dann gibt es bei der Einfahrt in die Stadt kein Schild mehr, dass einen darauf hinweist, dass die offizielle Sprache in Rumänien Rumänisch ist. Aber wenn man von Osten und von Süden in die Stadt kommt, dann stehen diese Schilder noch da. Es gibt auch immer noch die Schilder, auf denen man willkommen geheißen wird in der Stadt in sieben Sprachen. Die Reihenfolge ist so: Rumänisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Russisch. Ungarisch ist nicht dabei, und das ist natürlich ein Affront gegen die Ungarn in der Stadt und auch gegen die ungarischen Touristen, die wahrscheinlich den relativ größten Teil aller Touristen ausmachen. Und auf Deutsch wird man mit einem Grammatikfehler begrüßt. „Willkommen in unsere Stadt“, steht da, also etwa „Bine ati venit intru orasul nostru“ oder „Isten hozott városunkon“. Es ist ein kleiner, peinlicher Affront gegen die immerhin noch ein paar hundert Sachsen in der Stadt, von denen man hätte einen fragen können, wie es richtig heißen muss.

Auch Funars berühmte Schilder hängen immer noch, zum Beispiel das am Geburtshaus von Mátyás-Corvin-Mathias-Corvinus-Mathias-Rex-Matei-Corvin oder das an der Villa des Ungarnverbandes in der Pavlov-Straße.

Eines der Löcher auf dem Platz der Einheit ist zugeschüttet, oder besser gesagt, es wird seit fast zwei Monaten sehr langsam beseitigt. Anfang April 2005 haben der rumänische Bürgermeister und sein ungarischer Stellvertreter die erste Schippe Sand in das Loch geworfen, und seitdem dauert die Beseitigung an. An einem Tag Ende Mai bringt ein Lastkraftwagen Muttererde zum Aufschütten und bleibt im Restloch stecken. Der Fahrer flucht, und die Arbeiter setzen sich erst einmal in den Schatten und rauchen und trinken. Später kommt ein Traktor und zieht den Lastkraftwagen aus dem Loch, und das Ganze läuft ab mit lautem Geschreie, ungeheurem Motorenlärm und riesigen Qualmwolken aus Dieselabgasen, und der Traktor fährt das Gras, das schon über die Sache gewachsen ist, wieder kaputt. Schade, dass niemand die Szene filmt. Es ist eine schöne Szene darüber, wie sich die Stadt und das ganze Land in Richtung Normalität bewegen.

Man hört Widersprüchliches darüber, was mit dem anderen Loch geschehen soll. Es wäre interessant und auch mutig von dem neuen Bürgermeister, ein kleines Museum daraus zu machen, in dem die Epoche Funar kurz und kommentarlos dokumentiert wird.

Wie dem auch sei, für einige meiner Bekannten und Freunde kommt das Ende der Epoche Funar zu spät. Sie sind nach Deutschland oder nach Ungarn ausgewandert. Diejenigen, die dageblieben sind, sind froh über das Ende von Funar. Und wahrscheinlich sind die meisten Leute in der Stadt müde von Funars Aktionen, und wahrscheinlich denken sie über die Spuren, die von Funar geblieben sind, wenn sie sie überhaupt noch sehen, einfach nur das: Was soll´s! Ez van! Asta e!

27.5.2005,  Casa Tranzit (Klausenburg-Cluj-Kolozsvár)