Die Angeschlossenen und Abgekoppelten oder: Kurze Sozialgeschichte des Thermopunktes

Zwischen den Neubauten in unserem schönen Viertel sieht es aus wie in der Kulisse eines Fantasy-Filmes. Aus dem Erdreich steigen Dampfschwaden, in einigen Vorgärten blubbern kleine heiße Quellen vor sich hin.

Niemand erinnert sich, wann das angefangen hat.

Lange Zeit ignorierten die Behörden den Sachverhalt. Als er auf diese Weise nicht verschwand, erklärten sie ihn mit außerordentlichen geothermischen Aktivitäten. Eines Tages, es waren bereits viele Jahre vergangen, seit es bei uns aussah wie in der besagten Kulisse, gab das Heizungskombinat zu, dass im Grunde das Leitungssystem des Thermopunkts schuld sei; dieses sei „physisch und moralisch überholt“. Anders ausgedrückt: Die Leitungen waren, mit Verlaub, im Arsch.

Im Thermopunkt wird das Wasser für die Bewohner erhitzt. Ungefähr die Hälfte des heißen Wassers für Badezimmer und Heizungen versickert wegen des physisch und moralisch überholten Leitungssystems in der Erde. Wie bei allen 723 Thermopunkten in unserer schönen Hauptstadt. Das ergibt mit alljährlicher Regelmäßigkeit die Analyse zur Feststellung der Verluste im nationalen Heiz- und Wärmetransportsystem unseres schönen Landes.

 

Zählung der Rippen an den Heizkörpern

 

Auch die Isolierungen der Leitungen sind völlig verrottet. Daher kühlt sich jenes heiße Wasser, das nicht versickert, auf dem Weg in unsere Wohnungen stark ab. Es ist folglich nirgendwo in unserem schönen Viertel möglich, ein heißes Bad zu nehmen.

Auch die Temperatur in den Wohnungen beträgt in der kalten Jahreszeit höchstens um die 13 bis 15 Grad. Im Thermopunkt ist es aber gemütlich warm.

Manche der Angestellten in besagtem Thermopunkt leben gefährlich. Wie der Mann, der bei den Bewohnern prüft, ob die Anzahl der Rippen an den Heizkörpern noch dieselbe ist. Diese Anzahl, die jedes Jahr neu nachgezählt wird, spielt eine bestimmte Rolle in einer bestimmten Formel, mit welcher der individuelle Heizwärmeverbrauch kalkuliert wird.

Kürzlich schubsten die Bewohner der obersten Stockwerke in unserem schönen Wohnblock den Mann die Treppe herunter, denn wegen des geringen Leitungsdrucks kommt bei ihnen fast kein Wasser mehr an, nicht mal kaltes. Dieser Umstand wäre im Grunde akzeptabel, d.h., man könnte irgendwie damit klarkommen und das Beste draus machen, wenn nicht die Preise ständig steigen würden. Jetzt kosten Heizung und Warmwasser monatlich schon ein Durchschnittsgehalt.

Wegen der Preise wollen sich einige Bewohner abkoppeln.

Abkopplung! Los vom Thermopunkt! Die Rohre vom Thermopunkt versiegeln lassen! Eine eigene Mikrozentrale einbauen! Das ist der Traum vieler Bewohner in unserem Neubauviertel.

 

Phänomen Abkopplung

 

Seitdem jene einheimische Zeitungen, die unser schönes Land gerne beschmutzen, den Gedanken an die Abkopplung von Thermopunkten und Mikrozentralen, also an private Gasthermen, ins öffentliche Unterbewusstsein einpflanzten, wurde er zur materiellen Gewalt. Ganze Städte und Landstriche in der Provinz haben sich schon abgekoppelt. Zuerst ignorierten die Behörden den Sachverhalt. Dann nahmen sie ihn zur Kenntnis und bezeichneten ihn als „Phänomen“. Vorlaute Intellektuelle wollten im Abkopplungsrausch bereits eine der größten zivilgesellschaftlichen Aktionen der jüngeren Geschichte unseres Landes erkennen.

Seit das Phänomen jedoch auf die Hauptstadt zurollt, hat unsere Regierung ihre Liebe zum nationalen Heizungssystem entdeckt. Diese Liebe ist voller komplizierter, schmerzhafter und tiefer Verstrickungen. Eine großangelegte Studie des Verwaltungsministeriums hat bewiesen, dass Mikrozentralen zu „Situationen der Ungleichheit“ zwischen Abgekoppelten und Angeschlossenen führen. Einige Thermopunkte kassieren horrende Abkopplungssteuern, andere verlangen von Abkopplungswilligen beglaubigte Einverständniserklärungen der Nachbarn. Der Forschungsminister will die Heizzentralen zwecks Kostensenkung künftig mit ausrangierten Flugzeugmotoren betreiben. Über all das wird nun breit debattiert und heftig gestritten, Komissionen erstellen weitere Gutachten.

Vom Direktor des Thermopunkts in unserem Viertel stammt ein weiser Kompromissvorschlag. Wer sich abkoppeln lassen will, darf dies tun. Aber nur auf der Hälfte der Wohnfläche. Die dürfen die Betreffenden selbst auswählen.