„Seien wir zivilisiert!“

Die Menschen in unserer schönen Metropole an der Peripherie des Kontinentes haben ein Lieblingswort: „zivilisiert“.

Wenn es kein Brot gibt, wenn der Bus sich verspätet oder ständig liegenbleibt, der Müll wochenlang nicht abtransportiert wird, Strom und Wasser ausfallen und abgeschaltet werden, schreien sie erbost: „Können wir nicht zivilisiert sein?!“ Oder wenn andere schreien: „Können wir nicht zivilisiert reden?!“ Oder wenn auf Behörden chaotisches Gedränge herrscht und einer den anderen wegschubst, um der erste zu sein: „Können Sie nicht zivilisiert anstehen?!“

„Seien wir zivilisiert!“ – ist das meistgebrauchte Schlagwort in unserer schönen Metropole.

Restaurants annoncieren in ihrer Werbung „zivilisierte Atmosphäre“. Oder bitten in Aufschriften am Eingang um „zivilisierte Kleidung“.

Ein junger Mann will aus dem Bus aussteigen, und wie üblich drängen die an der Station Wartenden rücksichtslos herein. Das Ganze artet in eine rüde Rempelei aus. Der Mann wird wütend. Er schreit: „Können wir nicht mal zivilisiert aussteigen?“

Das Fernsehen zeigt in den Abendnachrichten die Inbetriebnahme von neuen Anrufannahmestationen bei der Telefonauskunft. Der Berichterstatter sagt, die Telefonistinnen seien nun endlich in der Lage, unter zivilisierten Bedingungen zu arbeiten.

In einer anderen Fernsehsendung geht es um Glatteis und Schneemassen auf den Straßen, die niemand wegräumt. Der Kommentator nennt eine Statistik, laut der die Zahl von Arm- und Beinbrüchen seit einiger Zeit drastisch steigt, und schlußfolgert: „In keiner europäischen Metropole herrschen solche unzivilisierten Zustände.“

Eine Zeitung druckt eine Fotoreportage über den allgegenwärtigen Müll, über Straßenhunde und Ratten in unserer schönen Metropole und fragt in der Überschrift: „Somalia oder europäische Zivilisation?“

 

Zivilisationsverweigerung

 

Ein Architekt, gerade von einem Besuch im Zentrum des Kontinentes zurückgekehrt, preist die Sauberkeit der dortigen Städte, unsere schöne Metropole hingegen sei eine einzige große Mülltonne. Er schlägt eine riesige Aufräum- und Reinemachaktion vor. „Unsere Zivilisierung“, meint er, „ist ein genauso wichtiges Zeichen wie es die Demokratisierung und die Privatisierung waren.“ Deshalb will er das Oberbürgermeisteramt bitten, mit dem Großreinemachen in die „zivilisierte Welt zurückzukehren“.

Ein Abgeordneter ereifert sich über „allerlei obskure Zigeuner“, die im Zentrum des Kontinentes betteln, stehlen und Schwäne grillen würden: „Man verwechselt sie mit uns. Kein Wunder, daß wir für unzivilisiert gehalten werden und hier niemand investieren will!“

Auf dem Bahnhof schwärmt eine Frau von den Intercity-Zügen. Von sauberen Waggons, von geheizten Abteilen, von Toilettenpapier auf Aborten, von automatischen Türen. Sogar die Haltebahnhöfe würden angesagt. „Wie zivilisiert dieser Intercity ist!“

Eine große überregionale Zeitung unseres faszinierenden Landes übertitelt einen Artikel zum Thema Eisenbahnen: „Die Intercity-Züge beginnen, jammervoll auszusehen – verweigern wir uns etwa der Zivilisation?“ Der Artikel berichtet über Vandalismus und Diebstahl von Spiegeln, Kleiderhaken und Leselampen in den Zügen, zwei Zugbeamte werden zitiert. Sie rufen die Reisenden zur Mithilfe gegen das Rowdytum auf: „Die zivilisierten Reisenden dürfen nicht gleichgültig gegenüber den primitiven Unsitten bleiben, die vor allem Studenten vom afrikanischen Kontinent begehen, die bei uns lernen.“

Viele Intellektuellen in unserer schönen Metropole haben keine Hoffnung mehr. „Wir werden niemals ein zivilisiertes Volk sein“, sagen sie, „und die Standards der modernen europäischen Zivilisationen erreichen.“