Ein Betrieb auf der Kostenflucht

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Csaba Kirják kommt aus der Frühschicht, er sieht abgespannt aus, er ist froh, endlich draußen zu sein. Am Tor trifft er einige Kollegen, die zur Spätschicht eilen. Ohne innezuhalten murmeln sie einen knappen Gruß, auch sie haben müde, gequälte Gesichter, Kirják brummt einen ebenso knappen Gruß zurück.

Er ist in schlechter Stimmung. Im Betrieb werden 330 Leute entlassen, ein Teil der Produktion wird ins Ausland verlagert. Heute ist ein Abteilungsleiter zu den Gruppen gegangen und hat gefragt, wer freiwillig gehen wolle. Viele wollten, wegen der Abfindungen. Kirják wollte nicht, aber der Abteilungsleiter hörte ihm einfach nicht zu, setzte ihn auf die Liste und lief weiter. Kirják ist Vertrauensmann der Gewerkschaft, er könne gar nicht gekündigt werden, sagt er, aber er ist nicht ganz sicher, und jetzt, nach Arbeitsschluss, will er ins Kreisgewerkschaftsbüro, sich vergewissern. Kirják regt sich auf. „Manche in der Firma behandeln dich wie einen Hund. Wo leben wir eigentlich? Ist das etwa Demokratie?“

Eger, eine hübsche Kleinstadt in Nordostungarn mit einer alten Festung und malerischen, barocken Gassen. Am Rande des Industriegebietes hat auch die Firma Leoni Hungaria ihren Sitz. Leoni ist einer der weltweit führenden Produzenten für Drähte, Kabel und Kabel-Elektronik-Systeme in Autos und Nutzfahrzeugen. Für den Nürnberger Konzern arbeiten weltweit 35.000 Leute, darunter allein in Osteuropa 16.000. Das Werk in Eger produziert seit 1992 unter anderem Kabelsysteme für Audi und Seat. Doch in der fast hundertjährigen Geschichte des deutschen Traditionsunternehmes wird Ungarn nur eine Fußnote bleiben: Arbeiteten in Spitzenzeiten mehr als tausend Beschäftigte im Werk in Eger, werden nach der jüngsten Entlassungswelle noch etwa 450 übrig bleiben. Die Produktion einiger Kabelsysteme wird nach Tunesien verlagert. Und irgendwann in den nächsten Jahren wird das Werk in Eger ganz schließen – die Lohnkosten in Ungarn sind zu hoch.

Csaba Kirják versteht wenig von Lohnkostenrechnungen und vom mörderischen internationalen Konkurrenzkampf, von Produktionsverlagerung und Globalisierung, vom Überleben und Sterben in der Branche der Automobilzulieferer. Er ist ein kleiner, spindeldürrer Mann mit gutmütigem Gesicht und schüchternen Gesten, gelernter Tischler, 46 Jahre alt. Er hat sein Leben bisher in Eger verbracht. Schon Budapest, die zwei Autostunden entfernte Hauptstadt, ist eine andere, eine fremde Welt für ihn.

Seine Frau hat ihn vor sitzen lassen mit dem gemeinsamen Sohn, als dieser vierzehn war, das war vor vier Jahren, seitdem wohnen die beiden zur Untermiete in einem Zimmer mit Küche und Bad. 2003 fing Kirják als ungelernter Fließbandarbeiter bei Leoni an. Inzwischen arbeitet er in der Qualitätskontrolle einer Abteilung namens C6, diejenige, die nun nach Tunesien geht. Er verdient umgerechnet 350 Euro netto im Monat, das ist für Ostungarn der Durchschnitt und reicht zum Leben gerade so aus. Kirják schwärmt nostalgisch vom Gulaschkommunismus unter dem Diktator János Kádár. „Für mich war es damals besser, wir hatten alle Arbeit, und wenn sie einem nicht gefiel, konnte man schnell eine neue finden“, sagt er. „Früher war Freitag um zwei Schluß, heute machen wir Sonnabend und Sonntags Überstunden. Ich war trotzdem seit vierzehn Jahren nicht mehr im Urlaub, weil mein Lohn nur für die monatlichen Ausgaben und das Essen reicht.“

 

Ein Betrieb auf der Kostenflucht

 

Csaba Kirják sitzt etwas verschüchtert und ungelenk auf einem Stuhl im Kreisgewerkschaftsbüro in Eger. „Sag mal“, fragt er László Sztaniszlav, den stämmigen, breitschultrigen Vorsitzenden der Betriebsgewerkschaft bei Leoni, „die können mich doch nicht kündigen, wenn ich nicht freiwillig gehen will, oder?“ – „Beruhig dich“, sagt Sztaniszlav, „du kannst nicht gekündigt werden.“ Kirják ist sichtlich erleichtert.

Als er vor vier Jahren anfing bei Leoni, fühlte er sich wohl und war hochzufrieden, es war ein sauberer, ruhiger, anständiger Arbeitsplatz, erzählt er. Leoni sei immer noch ein vergleichsweise guter Arbeitgeber, aber ihn störe der Ton der Abteilungsleiter gegenüber den einfachen Arbeitern. „Sie schreien die Leute an, als seien sie Hunde“, wiederholt er sich. „Leben wir vielleicht im Mittelalter?!“

2004 wurde Kirják Vertrauensmann der Gewerkschaft in seiner Abteilung, eher zufällig, weil seine Vorgängerin in den Schwangerschaftsurlaub ging. Er mag die Vereinsarbeit, er mag das Gemeinschaftsgefühl der Gewerkschaftsgruppe, und am liebsten organisiert er das Fest am 1. Mai, auf dem es Kesselgulasch gibt und Stierblut, einen kräftigen Rotwein aus der Gegend um Eger. Nein, sagt Kirják, er habe keine Nachteile dadurch, dass er Vertrauensmann sei, im Gegenteil, er werde von Vorgesetzten sogar mehr respektiert als Arbeiter, die nichts mit der Gewerkschaft zu tun hätten.

Was wird er machen, wenn Leoni die Produktion in Eger in ein paar Jahren ganz aufgibt? Kirják zuckt hilflos mit den Schultern, er will noch nicht groß darüber nachdenken. „Neue Arbeit suchen…“, sagt er. Es klingt wie eine unsichere Frage.

László Sztaniszlav, der Chef der Betriebsgewerkschaft bei Leoni, will sich nicht mit grundsätzlicher Kritik an der Produktionsverlagerung und an der Entlassung von 330 Beschäftigten aufhalten. Der 35jährige ist Pragmatiker, und er mag gerne klare Worte. „Ja, es war ein Schlag für uns, als wir das erfahren haben“, sagt Sztaniszlav. „Leoni ist ständig auf einer hektischen Kostenflucht. So sind heutzutage die Bedingungen auf dem Weltmarkt, und es ist klar, dass in Ungarn früher oder später das Ende der arbeitskräfteintensiven Produktion kommt, weil die Lohn- und die Lohnnebenkosten zu hoch sind. Wir in Eger können und werden das nicht ändern, und ich will jedenfalls keine Revolution anzetteln. Unsere Aufgabe ist jetzt, den Schaden für die Einzelnen zu mindern und gute Abfindungen auszuhandeln.“

 

„Früher war Freitag um zwei Schluss, heute machen wir sonnabends und sonntags Überstunden.“

 

Schon 2005 gab es eine erste Entlassungswelle bei Leoni Eger, als eine Kabelsystem-Produktion an den Leoni-Standort im rumänischen Arad verlagert wurde. Damals handelten Sztaniszlav und seine Leute Bedingungen aus, die deutlich über den gesetzlichen ungarischen Mindeststandards lagen. Laut denen gibt es bei betriebsbedingten Kündigungen bei bis zu drei Jahren Betriebszugehörigkeit keine Abfindungen. Die maximale Abfindungshöhe, die ein Unternehmen zu zahlen verpflichtet ist, beträgt sechs Monatslöhne. Bei Leoni Eger handelte die Gewerkschaft 2005 einen Monatslohn pro Jahr Betriebszugehörigkeit sowie verschiedene Zuschläge aus. „Der Sozialplan ist uns damals so gut gelungen, dass jetzt paradoxerweise fast doppelt so viele Leute gehen wollen, wie eigentlich müssten“, sagt Sztaniszlav. „Jetzt fragen uns alle, wieviel wir diesmal aushandeln. Das Bedenkliche daran ist, dass sich viele Leute, die kündigen, nicht gleich um neue Stellen kümmern. Sie leben von der Abfindung, bis sie aufgebraucht ist, und fangen erst dann an, einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Sie gehen mit sich selbst einfach sehr unverantwortlich um. Da müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten, um das zu verhindern.“

Tamás Ötvös, der Leoni-Geschäftsführer in Eger, möchte zu den Entlassungen und zur Zukunft des Werkes nichts sagen. Dafür gibt Susanne Rothe Auskunft, die Pressesprecherin des Leoni-Konzerns in Nürnberg. Die zierliche, brünette 31jährige ist bemüht, auf alle Fragen offen und ohne Floskeln zu antworten, auch auf Fragen nach Arbeitsplatzverlagerung und Globalisierung – Stichworte, die in den Chefetagen deutscher Unternehmen gemeinhin allergische Reaktionen hervorrufen.

Susanne Rothe ist nicht ohne Grund offen: Der Leoni-Konzern hält sich zugute, als eines der weltweit ersten Unternehmen eine verbindliche „Sozialcharta“ verabschiedet zu haben. In dem 2003 von der Konzernführung unterzeichneten Dokument, das für die deutsche Unternehmerkultur durchaus ungewöhnlich ist, heißt es im Wesentlichen, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns nur durch Globalisierung gewährleistet werden könne, dass dabei aber international anerkannte Menschen- und Arbeitnehmerrechte respektiert werden müssten.

Die Produktion einiger Kabelsysteme werde von Eger nach Sousse in Tunesien verlagert, weil die Lohnkosten dort niedriger seien, sagt Susanne Rothe ohne Umschweife. Sie bestätigt auch, dass die Kabelsystemproduktion in Eger aus Kostengründen mittelfristig eingestellt wird. Ein Termin für das Ende der Produktion steht offiziell allerdings noch nicht fest. „Es ist eine harte Realität“, sagt Rothe, „aber als Zuliefererunternehmen in der Autobilbranche hat man wenig Wahl. Der Preisdruck in der Branche ist sehr hoch.“

Susanne Rothe deutet nur an, was ein offenes Geheimnis ist: Zwischen Automobilherstellern und Zulieferern herrschen rauhe Sitten und Geschäftsmethoden. Die kritisierte Berthold Huber, der zweite IG-Metall-Vorsitzende, auf einer Konferenz der Automobilzulieferer im Juni 2007 in Berlin mit deftigen Worten. Er warf den Herstellern „skandalöse Geschäftspraktiken“ vor und sprach davon, dass Zulieferer „erpresst“ würden. „Einige Hersteller verlangen neben den jährlichen Preissenkungen immer neue Zugeständnisse“, so Huber. „Sehr beliebt sind Einstiegszahlungen, teilweise in Millionenhöhe, ohne die man keinen Vertrag bekommt. Und einige Hersteller verlangen sogar, dass ein definierter Anteil der Lieferungen aus Niedriglohnländern kommt. Dabei legen sie die entsprechenden Preisabschläge gleich zugrunde.“

Der Druck der Hersteller treibt das Standortkarusell bei Leoni schon seit gut drei Jahrzehnten an. Bereits 1977 wurde das Werk in Sousse in Tunesien aufgebaut. Anfang der neunziger Jahre expandierte das Unternehmen massiv in Osteuropa und errichtete Werke in Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Inzwischen sind Rumänien und die Ukraine Favoritenländer von Leoni, daneben weiterhin auch die Slowakei.

 

Arbeitsplatzabbau besonders an deutschen Standorten

 

In Deutschland hingegen wurde die arbeitskräfteintensive Produktion von Kabelsystemen Stück für Stück eingestellt. Erhalten blieben nur noch die weitgehend automatisierte Draht- und Kabelproduktion und die Entwicklungsabteilungen für die kompliziert aufgebauten, elektronischen Kabelsysteme. Am Standort Kitzingen, das zum sogenannten Kompetenzzentrum umgebaut wurde, sank die Beschäftigenzahl Anfang der neunziger Jahre von 1500 auf 230. Allerdings wurden ab 1997 wieder Techniker und Ingenieure eingestellt; heute arbeiten dort 620 Menschen, demnächst sollen noch einmal 50 dazu kommen. Härter traf es das Werk in Neuburg an der Donau, wo von einst 700 Leuten heute nur noch 25 übrig geblieben sind, die als Entwicklungsingenieure arbeiten.

Gabriele Bauer, 51, die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates bei Leoni, sieht keinen Grund, der Unternehmensführung für diese Situation Vorwürfe zu machen. „Die Kosten für Handarbeit in Deutschland waren einfach nicht mehr haltbar“, sagt Bauer. „Beim Arbeitsplatzabbau hat Leoni vorbildlich gehandelt. Es gute Sozialpläne und Weiterbildungsmaßnahmen, die wenigsten wurden gekündigt, viele sind über einen Aufhebungsvertrag gegangen, und wir hatten keinen einzigen Arbeitsgerichtsprozess.“ So gesehen sei die „Ostexpansion“ des Unternehmens eine positive Sache. „Hätte Leoni nicht schon Anfang der neunziger Jahre vorausgedacht“, sagt Gabriele Bauer, „wäre alles viel schlimmer gekommen, und möglicherweise gäbe es uns gar nicht mehr.“

 

„Zwischen Automobilherstellern und Zuflieferern herrschen rauhe Sitten und Geschäftsmethoden“

 

Ähnlich beschreibt es auch Susanne Rothe. „Persönlich kann ich Verlagerungs- und Globalisierungskritik verstehen“, sagt sie. „Aber aus Unternehmenssicht ist das anders. Anfang der neunziger Jahre ging es darum, alles umzukrempeln oder nicht mehr zu existieren, deshalb hat sich Leoni für Osteuropa entschieden. Unsere Mischkalkulation war: Engineering, IT und zentrale Funktionen wie Einkauf oder Logisitik in Deutschland, Produktion in Osteuropa. Allerdings schauen wir permanent darauf, wo Einsparpotential besteht und wo optimiert werden kann. Das diktiert der globale Wettbewerb, bei dem absolute Flexibilität geboten ist. Wir können aber aus logistischen Gründen auch nicht beliebig weit weg gehen, weil die Transportkosten irgendwann die niedrigen Produktionskosten auffressen.“

 

„Anfang der neunziger Jahre ging es darum, entweder alles umzukrempeln oder nicht mehr zu existieren.“

 

Gábor Iváncza ist abgesprungen. Er ist froh darüber.

Der 31jährige ist ein schlanker, sportlicher Mann mit kurzgeschorenem Haar, gelernter Bautischler, außerdem hat er eine Ausbildung als Masseur. Zehn Jahre lang war er bei Leoni in Eger beschäftigt. Zuletzt arbeitete er in der Abteilung Kabelummantelung, am 19. Juli hatte er seinen letzten Arbeitstag. Er ist einer von den vielen, die freiwillig gegangen sind.

Anfangs, vor zehn Jahren, hatte es ihm gefallen bei Leoni. Mit der Zeit seien jedoch immer mehr Probleme gekommen, sagt Iváncza, jedenfalls habe er das so empfunden. Normenerhöhungen ohne mehr Personal, unberechenbare Geschäftsführer, Abteilungsleiter mit schlechter Qualifikation und arrogantem Umgangston, eine Bezahlung, die nicht mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten einherging. „Die Arbeit hat mich müde, apathisch und agressiv gemacht“, sagt Iváncza, „oft kam ich nach Hause und habe vor mich hingestarrt oder stundenlang nur Fernsehen gesehen, und ich bin nervöser und ungeduldiger geworden. Es hat eine Weile gedauert, bis ich darauf gekommen bin, dass ich da weg und etwas anderes machen muss.“

Gábor Iváncza will nun eine Zusatzausbildung als Heilmasseur machen und danach selbständig arbeiten. Er hofft, dass er die Ausbildung von seiner Abfindung finanzieren kann. „In gewissem Sinne verstehe ich, dass Leoni seine Produktion verlagert und sehr flexibel sein muss, dass sich ständig alles ändert“, sagt Iváncza. „Aber ich wollte in so einem Arbeitsklima nicht weiter mitmachen, ich bin diesen Stil müde.“

 

„Zivilisierte Verhältnisse“

 

„Effizienz, Qualität, Präsenz“. „Teamwork“. Slogans auf englisch: „People with targets succeed because they know where they are going“. Ein Bild: Unten rechts ein Oldtimer, ein steil in die Höhe zeigender Pfeil, oben rechts ein futuristischer Sportwagen. Der Flur des Verwaltungsgebäudes ist eine Art Motivationsgalerie mit Parolen, Fotos von lachenden Menschen und Sinnbildchen des Fortschritts. Der Titel der Ausstellung: „Leoni Productivity System“. Ihr Ort: Arad, Westrumänien, eine halbe Autostunde entfernt von der ungarischen Grenze. Hier besitzt der Nürnberger Konzern seit 2000 ein großes Werk, in dem 2.200 Beschäftigte Kabelsysteme für Ford- und Bentley-Wagen sowie für Lkws, unter anderem für DAF, produzieren.

In dem Werk mit seinen weitläufigen Hallen, das etwas außerhalb Arads in der sogenannten Industriezone West liegt, sieht es ein wenig aus wie in der Kommandozentrale eines überdimensionierten, futuristischen Raumschiffes: allenthalben komplizierte Kabel mit elektronischen Kleinteilen, Computer, blinkende Anzeigetafeln, Schaltknöpfe in leuchtenden Farben, Maschinen mit okkulten Funktionen. Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen gehen ihrer Tätigkeit zumeist schweigend, mit unbeweglichen Mienen und in ruhigem, aber sehr bestimmtem Tempo nach, so als seien sie selbst programmierte Maschinen.

„Es gefällt mir hier sehr gut“, sagt Laura Martinaş, eine kurzhaarige, blonde 35jährige, die seit acht Jahren bei Leoni Arad arbeitet, derzeit als Ausbilderin für die Kabelmontage. „Die Angestellten werden respektiert und mit Wertschätzung behandelt, wenn man ein Problem hat, kann man darüber offen sprechen, es gibt kostenlosen Transport zur und von der Arbeit, die Werkshallen sind klimatisiert, und mit dem Gehalt komme ich relativ gut aus.“

Auch ihre Kollegin Mihaela Mihnea kann nur Gutes über die Firma sagen. Ihr gefällt vor allem, dass „man sich entwickeln kann“ und es viele Weiterbildungsmaßnahmen gebe, zum Beispiel kostenlose Computerkurse, bei denen man auch Dinge lerne, die nicht nur mit der Arbeit im Werk zusammenhingen. Die 28jährige Mihnea ist seit fünf Jahren bei Leoni, vorher war sie Arbeiterin in einer rumänisch-italienischen Textilfabrik, nur ein paar hundert Meter vom Leoni-Werk entfernt. Es waren „unterirdische“ Arbeitsbedingungen, so wie in den meisten Textilfabriken Rumäniens, und die Chefs dort, sagt Mihaela Mihnea, hätten mehr geschrien und mit Schimpfwörtern um sich geworfen als normal geredet. „So etwas gibt es hier nicht, hier herrschen zivilisierte Verhältnisse“, sagt Mihaela Mihnea.

Nicht immer haben die Leoni-Beschäftigten in Arad so geschwärmt. Das Nürnberger Unternehmen übernahm das Arader Werk 1999 von dem englischen Automobilzulieferer Lucas Rist und betrieb das Werk zunächst zusammen mit diesem. Der frühere englische Geschäftsführer sei ein willkürlicher, selbstherrlicher Mann gewesen, berichten einige Arbeiter, er habe bei geringfügigen Problemen ständig mit Entlassung gedroht, Gewerkschaftsmitglieder seien psychologisch terrorisiert worden. Einen ähnlichen Stil, sagen die Arbeiter, habe ein später von Leoni eingesetzter Geschäftsführer gepflegt, der aus einem ägyptischen Leoni-Werk geholt worden war. Ein Stil, der dem Werk und den Arbeitsergebnissen offenbar so sehr schadete, dass die Nürnberger Unternehmenszentrale den Mann absetzte.

Seit 2004 ist Stephan Schmidt Geschäftsführer im Arader Leoni-Werk, ein bedächtiger Zwei-Meter-Mann, der gerne lange überlegt, bevor er etwas sagt. Der 41jährige gelernte Werkzeugmacher und Planungsingenieur ist zufrieden mit den Bedingungen in Arad, so wie das neue EU-Mitglied Rumänien augenblicklich überhaupt eines der Lieblingsinvestitionsländer deutscher Firmen ist. Die Lohnkosten und die Logistik seien günstig, der Ausbildungsstand zumeist gut, die Behörden größtenteils hilfsbereit, sagt Schmidt.

 

„Zivilisierter Umgangsstil“

 

Wie viele ausländische Unternehmen bekommt Leoni allerdings auch die Kehrseiten des rumänischen Aufschwungs zu spüren. Es herrscht akuter Arbeitskräftemangel, vor allem an gefragten Standorten wie Bukarest oder den Großstädten Westrumäniens, darunter Arad, denn die Wirtschaft wächst überdurchschnittlich schnell, und zudem arbeiten hunderttausende Rumänen überwiegend oder permanent im Ausland, weil sie dort besser verdienen. Für die Beschäftigten ist der Arbeitskräftemangel freilich durchaus vorteilhaft. Die Löhne steigen, Unternehmen müssen sich um ihre Beschäftigten bemühen, damit sie sie nicht verlieren.

Für Leoni überwiegen die Vorteile jedoch so sehr, dass das Unternehmen das Werk in Arad derzeit zu seinem europäischen Zentrum für Kabelsysteme im Nutzfahrzeugbereich umbaut. „Grundsätzlich ist es so, dass wir wettbewerbsfähig bleiben und entsprechend unseren Kundenanforderungen die Kosten niedrig halten müssen“, sagt Schmidt. „Wir haben die Bezahlung hier in Arad natürlich den Marktverhältnissen angepasst, aber wir hoffen dass die Lohnentwicklung nicht zu rasant verläuft. Jedenfalls ist unsere Strategie in Rumänien erklärtermaßen eine langfristige.“

Stephan Schmidt ist kein Selbstdarsteller, und er möchte auch über die Probleme, die es im Arader Werk gab, bevor er Geschäftsführer wurde, nicht allzu viele Worte verlieren. Die Beschäftigten und die Gewerkschaftsvertreter bescheinigem Schmidt jedoch, dass er einen neuen, „zivilisierten“ Umgangsstil eingeführt hat. „Die früheren Geschäftsführer hatten die Einstellung, wer nicht so und so kann, der soll verschwinden“, sagt Pavel Flueraş, der stellvertretende Vorsitzende der Betriebsgewerkschaft “Solidaritatea 2003”. “Schmidt hat begriffen, dass die Leute hier ohne Probleme überall Arbeit finden und dass zuviel Fluktuation nicht gut ist. Er hat versucht, den Kommunikationsstil und das Verhalten des leitenden Personals gegenüber den Arbeitern zu verändern, und er ist jemand, der zuhören kann. Seitdem er da ist, haben sich die Bedingungen gebessert.”

Der 49jährige Flueraş ist ein korpulenter, schwarzhaariger Mann mit Schnauzbart, er war ursprünglich einmal Koch, später Maschinenschlosser und kam 2002 zu Leoni. Hinter dem, was er heute wohlwollend “Verhalten des leitenden Personals” nennt, verbirgt sich auch die Geschichte eines mehrjährigen, handfesten Arbeitskampfes. Ursprünglich gab es bei Leoni nur eine von der Lucas-Rist-Geschäftsleitung gegründete Gewerkschaft. Als eine Handvoll Leoni-Arbeiter 2003 die unabhängige Betriebsgewerkschaft “Solidaritatea 2003” gründete, wurde diese von der damaligen Geschäftsführung verklagt, mit dem Ziel, sie verbieten zu lassen. Ein Gericht wies die Klage 2005 ab. Die Mitgliederzahl ist seitdem von 30 auf inzwischen 900 gestiegen. Beigetragen hat dazu unter anderem auch, dass der Leiter der ehemals von Lucas Rist gegründeten Gewerkschaft der Untreue und der Fälschung von Mitgliederunterlagen überführt wurde. Die Beschäftigten hätten gesehen, sagt Flueraş, dass “Solidaritatea 2003” die ernsthaftere Gewerkschaft sei.

Nach jeweils zwanzigprozentigen Lohnerhöhungen in den letzten beiden Jahren beträgt der Nettogrundlohn bei Leoni Arad derzeit rund 250 Euro, dazu kommen diverse Boni. Etwas ironisch erzählt Flueraş, dass die Geschäftsführung auf Vorschlag der Gewerkschaft eine monatliche “Anwesenheitsprämie” eingeführt habe. “Viele Beschäftigte haben in der Gegend ein Stück Land”, sagt Flueraş. “Vor allem im Frühjahr, zur Aussaat, und im Herbst, zur Ernte, lassen sie sich krankschreiben, damit sie auf dem Feld arbeiten können. Die Geschäftsführung hat sich immer wieder darüber beklagt, da haben wir ihr dieses Prämiensystem vorgeschlagen.” Außerdem konnte die Gewerkschaft unter anderem erreichen, dass die früher unbezahlte halbstündige Mittagspause nun bezahlte Arbeitszeit ist und dass es subventionierte Verpflegung gibt.

“Es gibt ab und zu kleinere Missverständnisse auf niederer Ebene, aber die können wir meistens lösen, und insgesamt ist das Arbeitsklima in Ordnung”, sagt Pavel Flueraş. “Es ist gut, dass wir nicht mehr behandelt werden, wie dumme, unzivilisierte Arbeitssklaven aus irgendeinem schlecht angesehenen Land am Rande Europas.”